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Liam Gallagher und Gem Archer : Wenn wir das können, kann das jeder

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Die neue Band Beady Eye mit Liam Gallagher (rechts) und Gem Archer (links) Bild: dpa

Gibt es ein Leben nach Oasis? Nach Differenzen mit seinem Bruder Noel hat Liam Gallagher gemeinsam mit Gen Archer eine neue Band gegründet. Im Interview sprechen sie über Dada, Ruhm und ihre neue Band Beady Eye.

          5 Min.

          Liam Gallagher und Gem Archer sitzen schwarz gekleidet auf weißen Sesseln in einer Suite des Berliner „Hyatt“-Hotels. Sie gießen sich stilles Wasser in Gläser und haben sich viel Mühe mit ihren Frisuren gegeben. Sie beide waren Mitglieder der britischen Rockband Oasis. Jetzt haben sie eine neue Band gegründet – Beady Eye; allerdings dieses Mal ohne Noel, den älteren Bruder von Liam. Da gab es unüberbrückbare Differenzen. In diesen Tagen ist ihr Debütalbum „Different Gear, Still Speeding“ erschienen. Die 13 Rocksongs haben solch einen gewaltigen, ekstatischen Druck, dass ihnen nur wild tanzend standgehalten werden kann. Im Grunde genommen ist das Album jetzt schon ein Klassiker. Die erste Hörprobe „Bring the Light“ wurde von den Fans binnen 24 Stunden 350 000 Mal heruntergeladen.

          Nach Ihrer wilden Oasis-Ära müssten Sie ja eigentlich komplett ausgelutscht sein.

          Liam: Wieso ausgelutscht?

          Na ja, weil diese Zeit ja doch emotional sehr bewegend für Sie war und Sie – wie man so sagt – Musikgeschichte geschrieben haben.

          Gem: Ja, aber Musik zu machen verbraucht sich ja nicht. Sie ist der Grund, warum wir morgens aus dem Bett aufstehen. Die Musik hält uns quasi am Leben.

          Liam: Außerdem ist das der schnellste Weg, Geld zu machen. Was super ist. Neben der Tatsache, dass du Leute inspirierst. Es ist das absolut Größte, Mitglied einer Band zu sein. Weißt du, wie hell dein Licht da leuchtet? Du willst immer mehr von diesem Spirit, damit du nie erlischst.

          Wie fühlt sich das an, eine solch außerordentliche musische Begabung zu haben?

          Liam: Da ist nichts Persönliches daran. Wenn ich es schaffe, Musik zu machen, kann das jeder. Als ich zum ersten Mal in ein Mikro gesungen habe, klang das irgendwie gut. Also hab’ ich weitergesungen und war voll auf dem Film, ich konnte gar nicht mehr aufhören mit dem Singen. Echt! Ich kam mir vor wie so ein Medium.

          Der Dadaist Hans Arp hat sinngemäß festgestellt, dass seine Hände ohne sein Zutun arbeiten, dass er also während des künstlerischen Prozesses besser nicht nachdenken sollte.

          Liam: Diese Vorgehensweise unterstütze ich zu hundert Prozent! Darum geht’s! Nicht denken. Machen.

          Gem: Überhaupt: Dada! Das ist Fucking-Pre-Punk!

          Liam: Was ist das?

          Gem: Das ist so abgedrehtes Zeug. Wirklich. Richtig abgedreht, besser kann ich es gar nicht beschreiben. Aber wo wir schon über diese künstlerische Philosophie sprechen: Neulich hatte ich eine echte Einsicht. Mir ist aufgefallen, dass man im Bett die besten Ideen hat. Vermutlich, weil man zu fertig ist, um sich vom Verstand kontrollieren zu lassen. Mit einem Mal bist du fokussiert, du bist im Fluss, total ungehemmt. Plötzlich ist alles ganz klar. Man weiß, wie es geht. Das Problem ist nur, dass man noch mal aufstehen muss, um die Melodie oder die Idee aufzuschreiben. Tut man es nicht, ist das Zeug für immer weg.

          Liam: Ja! Genau so war es bei mir. Irgendwann sind mir mal im Bett die Hammer-Lyrics eingefallen, aber ich war zu faul, um einen Stift zu holen. Am nächsten Tag bin ich fast irre geworden bei dem Versuch, sie zu rekonstruieren. Der magische Moment war für immer vorbei. Zwecklos. Das hat mich fertiggemacht.

          Gem: Das ist die spirituelle Seite des Ganzen.

          Hören Sie plötzlich eine Melodie? Sehen Sie sie als Grafik vor sich?

          Gem: Nee, mehr so Fetzen. Aber genau darin besteht die Schönheit einer Band. Du kommst mit ein paar Melodie-Fetzen an, spielst sie den Jungs vor, und die flippen voll darauf ab. Im nächsten Augenblick machen sie schon eine runde Sache daraus. Es ist, als gäbe es im Orbit bereits das fertige Stück, du kannst es nur alleine nicht erfassen. Dafür brauchst du die anderen: das Kollektiv.

          Lassen Sie sich beim gemeinsamen Komponieren jede erdenkliche Freiheit?

          Liam: Klar, absolut. Erst mal musst du ins Chaos reingehen.

          Gem: Exakt. Du musst in alle Richtungen ausprobieren, was geht. Dabei fällt mir zum Thema Grafik ein: Irgendwann saß ich mal im Kino, es ist lange her, ich war total gefesselt, und plötzlich hatte ich so eine Art Geistesblitz. Mit einem Mal war mir klar: Jazz-Musik ist rund, Soul-Musik hat Ecken.

          Liam: Cool.

          Genau das meine ich mit Grafik.

          Gem: Yeah! Ich weiß! Das ist total abgedreht! Wirklich! Wir, Liam und ich, haben so noch nie miteinander über Musik gesprochen. Das ist echt krass. Weißt du, was ich meine? Es passiert – fucking – gerade jetzt! In diesem Augenblick.

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