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Lexikon : Das war Rot-Grün: R wie Rein, ich will da

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Bild: FAZ.NET

Die Geschichte von Rot-Grün begann in der „Provinz“. In der gleichnamigen Bonner Kneipe hatte Schröder gepichelt, bevor er am Zaun des Kanzleramts rüttelte und jene Worte sprach, die sein Image bis heute prägen.

          Zum Beispiel Willy Brandt. Ein Satz, gesprochen wie für die Geschichtsbücher: „Jetzt wächst zusammen, was zusammengehört.“ Oder dies hier, noch knapper und prägnanter: „Mehr Demokratie wagen.“

          Oder John F. Kennedy: „Ich bin ein Berliner.“ Da bekommen wir noch heute Gänsehaut. Aber das ist noch nicht alles: „Frage nicht, was dein Land für dich tun kann, frage, was du für dein Land tun kannst“ - auch von ihm. Oder das hier, ein echter Evergreen: „Die Menschheit muß dem Krieg ein Ende setzen, oder der Krieg setzt der Menschheit ein Ende.“

          Oder Michail Gorbatschow. Der hat, wie wir alle wissen, gesagt: „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.“ Manche behaupten zwar, er habe etwas ganz anderes gesagt, nämlich das weit weniger knackige „Ich glaube, Gefahren warten nur auf jene, die nicht auf das Leben reagieren“, aber so streng wollen wir das nicht sehen - der Sinn bleibt schließlich derselbe. Große Männer, große Politik, große Worte.

          Da wollte Schröder rein

          Nur zwei Sätze

          Gerhard Schröder hat das Amt des Bundeskanzlers länger bekleidet als Willy Brandt, er hat unser Land länger regiert als John F. Kennedy und Michail Gorbatschow die ihren. Auch Schröder gilt als begabter Rhetoriker, als Mann, der eingängig und plakativ formulieren kann. Wenn man sich allerdings überlegt, welche von ihm gesprochenen Worte uns fest in Erinnerung geblieben sind, so fallen uns eigentlich nur zwei Sätze ein - zwei Sätze, die weltpolitisch mit den Worten Brandts, Gorbatschows und Kennedys nicht ganz mithalten können. Der eine lautet: „Hol mir ma' 'ne Flasche Bier.“ (siehe auch: Rot-Grün-Lexikon: G wie Gerd Show) Der zweite Satz lautet: „Ich will da rein.“

          Zwischen beiden Sätzen gibt es durchaus einen Zusammenhang. Nicht nur eine, sondern diverse Flaschen Bier, möglicherweise auch Wein oder etwas Härteres, auf jeden Fall allerlei Alkoholisches hatte Gerhard Schröder nämlich am Abend jener Nacht im Jahre 1982 konsumiert, die ihn vor das Bonner Kanzleramt führen sollte. An dessen Gitterzaun rüttelte der SPD-Bundestagsabgeordnete Schröder dann und rief die Worte, die als sein politischer Urschrei gelten dürfen. Vorangegangen war eine informelle rot-grüne Koalition.

          Wir kamen aus der Provinz

          Doch lassen wir den Kanzler selbst berichten: „Wir kamen von der 'Provinz', diese Kneipe lag gegenüber dem Kanzleramt. In der 'Provinz' trafen sich Grüne, die gerade ins Parlament gekommen waren, mit jüngeren SPD-Abgeordneten. Wir waren jung. Die Sache mit dem Zaun des Kanzleramts war mehr ein Spaß. Erst nach meinem Erfolg in Niedersachsen entstand der ernsthafte Gedanke, das Kanzleramt anzustreben“, erzählte Schröder einst der „Zeit“. Die Schilderung wirft zwei Fragen auf: Kann man mit achtunddreißig - so alt war Schröder damals - wirklich noch als „jung“ gelten? Und ist Schröders Behauptung, er habe erst 1998 Kanzler werden wollen, auch nur im Ansatz glaubwürdig?

          Wie auch immer: Daß die „schöne Geschichte“ (Schröder) im Wahlkampf 1998 von schröderfreundlichen Kreisen verbreitet wurde und seitdem immer wieder hervorgeholt wird, ist gewiß kein Zufall. Beweist sie doch mehrerlei: Schröder ist einer, der weiß, was er will. Schröder ist ein Mann der klaren Worte. Schröder hat Humor. Schröder ist einer von uns, der gern mal einen über den Durst trinkt. Schröder ist jemand, der die Dinge notfalls selbst in die Hand nimmt (in diesem Fall die Gitterstäbe). Und nicht zuletzt: Schröder ist ein Machtmensch und Draufgänger. Sein Ziel hat er jedenfalls erreicht: Er kam da rein. Böse Zungen behaupten, daß er kein weiteres Ziel mehr hatte.

          Wilde Kerle

          Als Rollenmodell beeindruckte der Zaunrüttler sogar die Opposition. Immer wieder meldeten sich Konservative zu Wort, die plötzlich ebenfalls in jungen Jahren ganz forsche, wilde Kerle gewesen sein wollten. „Ich hatte schulterlange Haare, bin mit dem Motorrad durch die Stadt gerast“, teilte Friedrich Merz recht ungefragt mit, und über Edmund Stoiber wurde immerhin die Information lanciert, er habe als Jüngling die hohe Schule des „künstlichen Rülpsens“ beherrscht wie kein anderer. Für den Wahlsieg gegen Schröder war das zuwenig.

          Nun kommt Angela Merkel zum Zug, und auch sie lernen wir mit einem mal von ganz neuen Seiten kennen: „Sie besuchte Feten und schwofte“, läßt uns die in „Bild“ vorabgedruckte Biographie wissen, und in der achten Klasse sei die Angela sogar mal beim „Qualmen“ im Wald erwischt worden. Donnerwetter. Eine richtige Draufgängerin ist aus ihr dennoch nicht geworden. „Ich will Deutschland dienen“, hat sie nach ihrer Kür gesagt, und das klingt schon ganz anders als Schröders „Ich will da rein“. Obwohl es vermutlich dasselbe bedeutet.

          Vielleicht gelingt es Gerhard Schröder ja noch, sich mit einem würdigen Satz aus seinem Amt zu verabschieden. Ansonsten wird er auch als Politrentner in den Zitatesammlungen nur der Kerl bleiben, der am Zaun rüttelt. Trösten mag ihn das Schicksal Helmut Kohls: Der Mann hat sechzehn Jahre lang das Land regiert, er hat unser Land wiedervereinigt, er bekommt derzeit eine Ehrung nach der nächsten - und welcher Satz von ihm hat sich unauslöschlich im kollektiven Gedächtnis eingeprägt? „Wichtig ist, was hinten rauskommt.“

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