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Lexikon : Das war Rot-Grün: O wie Ostpark

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Politik und Fußball lassen sich nicht mehr voneinander trennen. Während viele Politiker ihre Liebe zum Spiel nur vor sich hertragen, um sich volksnah zu geben, meinten es manche Rot-Grüne ehrlich mit ihrem Kick-Tick - Ortstermin im Frankfurter Ostpark.

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          Was denn, Sie kennen den Ostpark nicht? Dort, wo Frankfurt seine Überheblichkeit abgelegt hat und die Bankentürme nicht mehr zu sehen sind, liegt ein kleines Stückchen Grün.

          Es könnte auch in jedem anderen Park in jeder anderen deutschen Stadt sein, aber es ist eben in diesem Ostpark in Frankfurt am Main, wo eine Wurzel der grünen Bewegung liegt. Hier haben sie einst Fußball gespielt, die Spontis Joschka Fischer und Daniel Cohn-Bendit.

          Warum das wichtig ist? Weil wir so nah dran waren, weil wir dort auch gekickt, gefoult, geflucht, gefeiert haben - wenn auch ein paar Jahre später. Weil es diese Politiker in einer Zeit zu Menschen machte, als auf dem fernen Planeten Bonn fremdartige Wesen das Land steuerten. Eine Politikergeneration an der Macht war, die Lichtjahre von der Lebenswirklichkeit der jungen Menschen entfernt schien.

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          Die tun bloß so

          Auch diese Politiker spielten Fußball - für die Kameras; zeigten sich auf den Tribünen, ließen sich mit den Gewinnern ablichten. Helmut Kohl, in seiner Jugend angeblich Mittelfeldspieler, herzte die Nationalspieler besonders innig. Doch bei den meisten blieb das eindeutige Gefühl des Betrachters: Die tun bloß so. Geben sich volksnah, wollen ein Stück abhaben vom Erfolg, generös trösten bei einer Niederlage.

          Die Politik versucht sich stets, dem deutschen Volkssport zu nähern, nicht erst seit Sepp Herberger und Konrad Adenauer. In getrennten Maschinen donnerten Schröder und Stoiber im Sommer 2002 nach Japan, um das WM-Finale gegen Brasilien zu sehen. Und von der Zufriedenheit der Deutschen mit ihren Fußballern hat der Kanzler bei seiner Wiederwahl sicher profitiert, schließlich sind Wir Zweiter geworden.

          Der Fan aber sieht, ob das Trikot mit Stolz getragen wird oder aber der Schal am Hals des Schlipsträgers kratzt. Niemand wird Gerhard „Acker“ Schröder vorwerfen, seine Nähe zum Ball sei gespielt. Doch wenn der Kanzler in Dortmund auf der Tribüne sitzt, Schalke die Meisterschaft wünscht, Hannover als seinen Heimatverein bezeichnet und Cottbus die Daumen drückt, dann wird so manchem Anhänger „nur“ eines Vereins schwindelig.

          „Joschka, bist du alright?“

          Wie ernst es Fischer mit dem Fußball meint, erfuhr einst auch die damalige amerikanische Außenministerin Madeleine Albright. Als sie mit ihrem deutschen Kollegen per Telefonkonferenz über die Friedenstruppen im Kosovo diskutierte, habe Fischer plötzlich aufgeschrien. „Joschka, bist du alright?“ Doch bei Fischer war gar nichts mehr in Ordnung. „Nein, die Engländer haben gerade ein Tor geschossen“, klärte er Albright auf. Es war der Sommer 2000, als Deutschland 0:1 in der EM-Vorrunde gegen England unterlag.

          Die Fußball-Weltmeisterschaft 2006 wird - sollte Rot-Grün denn das Spiel am 18. September verlieren - ein letzter Gruß der politischen Fußballfreunde sein. Angetrieben von Franz Beckenbauer, haben sich Schröder, Fischer und Otto Schily richtig reingehängt, offensiv gespielt, eine hohe Niederlage riskiert und mit dem Zuschlag des Weltfußballverbandes Fifa für Deutschland alles gewonnen. Von der erhofften nachweltmeisterschaftlichen Begeisterung werden sie wohl nicht mehr profitieren.

          Vielleicht spielte ja auch Joschkas Erinnerung an die legendären Ostparkturniere, ausgetragen seit 1976, bei seinem Engagement für das große Turnier eine Rolle. Ein bißchen WM ist dort an jedem Sommerabend. Da spielt der Banker aus London mit dem Busfahrer aus Istanbul, der griechische Familienvater paßt zum Yuppie aus Madrid und das Tor macht ein Frankfurter Bub. Vielleicht ist sogar der Anteil ukrainischer Stürmer überproportional gewachsen, die bunt gemischten Mannschaften am Frankfurter Rand hätten es verkraftet. Ob arm oder reich, rechts oder links, homo oder hetero - wer sonst nicht miteinander kann, findet im sportlichen Schmelztigel zueinander. Multikulti funktioniert, zumindest beim Feierabendkick.

          „Der Rest ist Spiel“

          Typisch „Grün“ ging es schon bei den Sponti-Kickern zu. „Natürlich haben wir immer ohne Schiedsrichter gespielt. Antiautoritär, wie man war, hat man alles selbst ausdiskutiert und herzlich gefoult“, erinnert sich Weggefährte Johnny Klinke, der heute das renommierte Frankfurter Varieté-Theater „Tigerpalast“ leitet und bei der kleinen Eröffnungsfeier des Confederations Cup den Artisten auf das Hochseil schickte.

          Heute sind die politischen Fußballer alt geworden, Cohn-Bendit bremst die Arthrose und Fischers Bewegungsradius schrumpft je nach Körperumfang auf „einen Bierdeckel“. Und doch meint der „rote Dany“, was er sagt: „Wenn es irgendeine ernste Sache in meinem Leben gibt, dann ist es Fußball, der Rest ist Spiel.“ Wo war er eigentlich am 12. und 13. Januar 1980, als sich die Grünen in Karlsruhe als Partei gegründet haben, wurde Daniel Cohn-Bendit in einem Zeitungsinterview gefragt: „In Frankfurt. Habe Fußball gespielt.“

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