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Letztes Fernsehduell : Obamas Todesliste

Mitt Romney und Barack Obama während des letzten Duells Bild: AFP

Im dritten und letzten Fernsehduell der Präsidentschaftskandidaten gibt sich Romney realistisch. Der Drohnenkrieg tritt ins Zentrum des Schlagabtauschs.

          3 Min.

          Die amerikanischen Zeitungen boten zu den Fernsehdebatten des Präsidentenwahlkampfs einen laufenden Kommentar in ihren Internetausgaben. Jede Aussage wird sofort zerlegt und gewogen, manchmal werden einzelnen Sätzen ganze Lexikonartikel und historische Abhandlungen angeheftet. Das Verfahren gibt sich streng objektiv - mit dem von den Parteien produzierten „Spin“ will man nichts zu tun haben - und firmiert als „Fakten-Check“. Die Behauptungen der Kandidaten werden mit ihren früheren Äußerungen zum Thema abgeglichen und mit den Tatsachen, wie sie sich Fachleuten oder anderen Journalisten darstellen.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Die Ergebnisse waren auch während der dritten und letzten Debatte von Barack Obama und Mitt Romney häufig informativ: etwa, dass Romney sich tatsächlich, wie Obama ihm vorwarf, schulpolitischer Maßnahmen in Massachusetts rühmte, die auf das Konto seines republikanischen Vorgängers im Amt des Gouverneurs gingen, oder aber, dass Obama in Verhandlungen mit dem Irak vergeblich die fortgesetzte amerikanische Truppenpräsenz im Land hatte erreichen wollen, die gefordert zu haben er nun als Beispiel für Romneys altes Denken hinstellte.

          Der moralische Ehrgeiz der Amerikaner

          Die Fakten-Checker sind einem Ideal von Widerspruchsfreiheit verpflichtet, an dem sie die Äußerungen der Politiker messen, als wären es Veröffentlichungen von Wissenschaftlern. Diskrepanzen werden als Indizien von Unehrlichkeit verbucht. In dieser Kombination von Rationalismus und Moralismus liegt etwas Unpolitisches. Am Montag sollte es um Amerikas Stellung in der Welt gehen. Der Amtsinhaber gab keine außenpolitische Phantasie zu erkennen.

          Er wirkte kleinlich, selbstgerecht und scheint es für eine Kränkung zu halten, dass von ihm nach vier Jahren Rechenschaft gefordert wird. Er mutet seinen Landsleuten zu, dass sie ihm in Angelegenheiten von Krieg und Frieden vertrauen, weil sein Ansehen auf dem Spiel steht. Romney brachte wieder das Vibrato des Verkäufers oder Predigers zum Einsatz und verblüffte, indem er ganz unaufdringlich Leitmotive eines großen Zusammenhangs anschlug, die geeignet scheinen, die Sehnsüchte und Befürchtungen der Amerikaner anzusprechen, ihren moralischen Ehrgeiz.

          Während Obama in patzigem Ton feststellte, die Vereinigten Staaten seien immer noch die globale Nummer eins, zeichnete sich bei Romney eine Haltung zur Welt ab, die diesem Anspruch angemessen sein könnte. Das Thema gab Romney vor, indem er ganz am Anfang fast nebenbei bemerkte, dass noch so chirurgisch präzise Tötungen von Terroristen keinen Weg aus dem Schlamassel asymmetrischer Kriege weisen könnten: „We can’t kill our way out of this mess.“ Amerikanische Außenpolitik müsse auf friedliche Entwicklung im Nahen Osten setzen und überall den Frieden anstreben, den auch China wolle, den selbst Iran hoffentlich nicht verschmähen werde.

          Die Todesliste des Friedensnobelpreisträgers

          Auf den Schreibtischen der Fakten-Checker müssen die Heuchleralarmglocken geschrillt haben. Sie verweisen darauf, dass Romney sich mit außenpolitischen Beratern aus dem inneren Zirkel der neokonservativen Kriegstreiber umgeben hat. Aber Worte sind auch Tatsachen, und mit seinen Worten stellte sich der republikanische Kandidat in eine mächtige Tradition des weltpolitischen Denkens, die von George W. Bushs Bemühungen um den Religionsfrieden über Reagans Streben nach Waffenvernichtung bis zurück zum Isolationismus vor 1941 zurückreicht.

          Aus der Sicht des klassischen Realismus ist diese Option für die Befriedung der Verhältnisse mit intellektuellen Kosten verbunden: Der Optimismus von Romneys Aussage, dass Völker in freien Wahlen für den Frieden und nicht für den Krieg stimmten, widerspricht der Erfahrung, und erst recht mag man die Vorstellung naiv nennen, bei der Ausgabe von Waffen an syrische Rebellen könnte festgestellt werden, welche Gruppen die Werte der Amerikaner teilen. Aber wirkungsvoller hätte Romney den Friedensnobelpreisträger Obama nicht kritisieren können.

          Auf Nachfrage des Moderators lobte Romney zwar die von Obama angeordneten Killerdrohneneinsätze. Fast nahm er den Satz zurück, dass Tötungen kein Ausweg sind. Aber eben nur fast und eigentlich gar nicht. Die Amerikaner, hat der Schriftsteller Nicholson Baker kürzlich gesagt, lebten unter der Regierung eines Präsidenten, der in seinem Büro auf einem mit Samt bespannten Sofa sitze und Todeslisten durchgehe. Bakers pazifistischen Rigorismus kann ein Mann nicht übernehmen, der selbst in dieses Büro einziehen möchte.

          Aber gerade die Diskretion, mit der Romney feststellte, dass das Töten noch keine Politik ist, wird dem tiefen Unbehagen gerecht, das die alltägliche Verwendung ferngesteuerter Mordmaschinen auslösen muss. Romney ließ sich hier gar nicht erst auf eine Debatte mit Obama ein. Dass die Drohne das Wappentier einer Präsidentschaft im Zeichen der Arroganz und des vermiedenen Engagements ist, liegt auch so auf der Hand.

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