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Bertoluccis „Letzter Tango“ : Sie wusste nicht, wie ihr geschah

Gelinkt: Maria Schneider mit Marlon Brando beim Dreh zu „Der letzte Tango in Paris“ Bild: dapd

In Bernardo Bertoluccis „Letzter Tango in Paris“ spielte Maria Schneider eine Vergewaltigungsszene herausragend wirklichkeitsgetreu. Jetzt wird klar: Sie spielte gar nicht. Bertolucci spielte mit ihr.

          Sollte sonst nichts bleiben vom Werk zweier vermeintlich großer Männer des Kinos, Bernardo Bertolucci und Marlon Brando, dann immerhin dies: ein Stück Butter. Sie spielt in einer der meistzitierten Szenen des europäischen Kinos eine entscheidende Rolle, und selbst wer niemals den ganzen „Letzten Tango in Paris“ gesehen hat, der 1972 weltweit für Aufregung sorgte, erinnert sich: Der Film mit der Butter! Brando benutzte sie in einer Vergewaltigungsszene als Gleitmittel. Die Vergewaltigung war simuliert, aber so, wie sie vonstatten ging, stand sie nicht im Drehbuch. Maria Schneider, die sie erdulden musste, wehrte sich und schrie und weinte äußerst wirklichkeitsgetreu, gerade so, wie Bertolucci es sich vorgestellt hatte.

          Eine großartige Schauspielerin? Ja, aber in diesem Fall: nein. Sie wurde hereingelegt. Am Wochenende berichtete das Magazin „Elle“ von einem Video, das vor einigen Jahren während eines öffentlichen Auftritts Bertoluccis aufgenommen wurde. Dort erzählt der Regisseur, er und Brando hätten Maria Schneider hintergangen. Sie hätten ihr von der Szene nichts erzählt, damit sie mit wirklicher Wut, dem Ausdruck tatsächlicher Erniedrigung reagiere. Kein Spiel wollten die beiden Männer von der Frau, „nicht die Reaktion einer Schauspielerin, sondern die eines Mädchens“.

          Verabredung unter Männern

          Andere Magazine nahmen die Geschichte auf, Schauspielerinnen wie Jessica Chastain und Evan Rachel Wood reagierten über Twitter empört. Maria Schneider, die 2011 noch nicht einmal sechzigjährig starb, ist vermutlich an diesem Film zugrunde gegangen. Der Medienrummel um den Film und insbesondere diese Szene, die folgenden Angebote für explizit erotisch-pornografische Rollen, die Missachtung ihrer darstellerischen Leistung in einem Film, der als riskante künstlerische Erkundung von Erotik und Sex zwischen einem Mann und einer Frau gepriesen wurde, Missachtung, weil es immer der Film der beiden Männer blieb (immerhin gewann sie, während die beiden für den Oscar nominiert wurden, den italienischen David Donatello Preis) – all dies hat sie nie hinter sich lassen können.

          Um Entschuldigung wurde sie von keinem der beiden Männer gebeten. Sie selbst hat vor ihrem frühen Tod von ihrer skandalösen Behandlung während der Dreharbeiten erzählt. Auch der Wikipedia-Eintrag zum „Letzten Tango“ enthält die Anekdote von der Butter: wie Bertolucci und Brando beim Frühstück saßen, vor sich ein Baguette und ein Stück Butter, sich anschauten und wussten: so machen wir das nachher. Aber niemand hat offenbar richtig hingeschaut. Erst jetzt, nachdem Bertuloccis Geständnis mit einem tränendrüsigen „poor Maria“ mittendrin verbreitet wird, gibt es einen kleinen Aufschrei. Eine miese Geschichte. Voller Verachtung für die Frau, die neben Brando die weibliche Hauptrolle spielte und sich dafür auszog, während Brando sich genierte. Offenbar hat Bertolucci diese Geschichte bereits 1973 dem „Film Quarterly“ erzählt, und niemand fand etwas dabei. Maria Schneider aber hat, solange sie noch lebte, ihre Kolleginnen bitter gewarnt: „Never take your clothes off for a middle-aged man who claims it’s art“.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

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