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Bremen-„Tatort“ : Das letzte Mal am Rand des Abgrunds segeln

  • -Aktualisiert am

Gleitend: Inga Lürsen (Sabine Postel) und Nils Stedefreund (Oliver Mommsen). Bild: Radio Bremen/ARD Degeto/Christin

Ein massenkompatibler Kracher zum Schluss: Mit dem 34. gemeinsamen Bremer „Tatort“ bekommen die Kommissare Lürsen und Stedefreund einen würdevollen Abschied.

          Ein gelungener Abgang aus dem „Tatort“ ist schwierig. Schimanski schmiss 1991 seine Jacke von einem Duisburger Hochhaus, um mit einem rotweißgelben Hängegleiter über dem dampfenden Ruhrpott zu kreisen, Bonnie Tyler zu lauschen und „Scheiße, Scheiße“ zu brüllen (sechs Jahre später kam er dann in einer anderen Reihe zurück). Stöver und Brockmöller(Manfred Krug und Charles Brauer) aus Hamburg sangen „Bye-Bye Tatort“. LKA-Ermittler Batu (Mehmet Kurtulus), noch mal Hamburg, wurde von Spezialkräften erschossen, weil er seine Pistole gegen den Kopf des Bundeskanzlers gehalten hatte. Aber was passt zu Bremen, wo Inga Lürsen (Sabine Postel) und Nils Stedefreund (Oliver Mommsen) eher solide und sachlich ermittelt haben – Lürsen seit 1997, Stedefreund an ihrer Seite seit 2001? Es hätte theoretisch die Chance gegeben, die beiden einfach mit einem Fallschirm, der sich nicht öffnet, abstürzen zu lassen. Ohne viel Worte, norddeutsch auf den Punkt.

          Regisseur Florian Baxmeyer freilich, der schon viele Bremer Folgen inszenierte und für das Finale nun gemeinsam mit Michael Comtesse und Stefanie Veith auch das Drehbuch verfasste, lässt den Fallschirm zu Beginn von „Wo ist nur mein Schatz geblieben?“ funktionieren. Lürsen und Stedefreund, der seine panisch schreiende Kollegin an sich geschnallt hat, segeln vom blauen Himmel über Bremen ein letztes Mal an den Rand der menschlichen Abgründe.

          Unterwegs bimmelt das Telefon: Eine Frauenleiche wurde gefunden. Womöglich ist sie das Opfer der kleinen Albtraumszene, die uns der Film zuvor präsentiert hat? Ein Mann mit verzerrter Stimme und Kapuze über dem Kopf wählt per Abzählreim unter unglücklich tänzelnden Frauen eine für sich. Wozu und weshalb, ist nicht erkennbar. Eine ekelhafte Szene. Sie ist eine von drei Vorwarnungen, mit der uns Baxmeyer für den heftigen letzten Ritt der Kommissare Lürsen und Stedefreund auf Temperatur bringt. Die zweite ist der ausgepumpte, in einer Nierenschale der Gerichtsmedizin für die Kommissare aufbewahrte Mageninhalt der Ermordeten. Die dritte ist das bleiche Gesicht eines verhaltensgestörten Junkies (Philipp Hochmair), der in einem Auto schläft und von seinem Begleiter, Typ Buchhalter des Todes (Robert Hunger-Bühler), nur mit einer Prise Koks geweckt werden kann.

          Thriller um Stedefreund

          Erheblich heimeliger scheint das Familienleben des Immobilien-Entwicklers Roger Stahl (Kostja Ullmann) zu sein, der sich selbst schon einmal eine ansprechende Villa zugelegt hat, während die Flächen des Bremer Gewerbegebiets „Zyklus“, die er verkauft, noch fast unbebaut sind. Die Tote, die unter der Asphaltdecke einer Baustelle gefunden wurde, war seine Sekretärin. Das ist für die Ermittler nicht schwer herauszufinden, Stahls Alibi ist peinlich schlecht konstruiert, und durch einen Hinweis vom BKA wissen Lürsen und Stedefreund auch, dass Stahls kühle Partnerin Vera (Violetta Schurawlow) die Schwester von Adam Berlov ist: tschetschenische Mafia.

          Dieser BKA-Hinweis auf einen Gangster aus der fernen Hauptstadt Berlin, der bei einem Bauprojekt in Bremen Geld waschen lässt, wird indes zum Problem. Die Kollegen vom Bund beginnen die Ermittlungen so empfindlich zu stören, dass sich Inga Lürsen und Nils Stedefreund, ihr einziger Freund neben dem Rotwein, bis an den Rand einer Katastrophe in die Haare geraten. Die Story um den Mord und den Mafioso wird immer mehr zum Thriller um Stedefreund selbst: Das BKA, hier mit Ausnahme der forschen Linda Selb (Luise Wolfram) von einem Duo repräsentiert, das sich jenseits von Gut und Böse bewegt, hat Stedefreund offenbar seit seiner Bewerbung als Polizeiausbilder in Afghanistan (siehe die Folgen „Der Puppenspieler“, „Er wird töten“) in der Hand und streut nun Sand ins Mordermittlungsgetriebe. Ob die Figur Stedefreund die biographischen Details, die nun ans Licht kommen, wirklich aushält – diese Frage muss sich die Reihe nicht mehr stellen. Der anfangs stumpf anmutende, nur von effektvollen Zupfern auf dem Cello (Musik: Stefan Hansen) spannend gehaltene Fall wird über Stedefreunds Geschichte jedenfalls zu einem packenden Ganzen.

          Nach 34 gemeinsamen Folgen darf die Zusammenarbeit des Bremer Gespanns Lürsen – Stedefreund – das nicht abgesetzt wird, sondern auf eigenen Wunsch aufhört – mit einem massenkompatiblen Kracher abschließen: Männer brechen Männern die Nase. Autos fliegen wie bei „Einsatz für Cobra 11“ durch die Luft. Leichen werden im Kühlschrank verstaut. Ein SEK-Team rückt aus. Und dann, so hat es Stedefreund-Darsteller Mommsen gerade dem „Weser-Kurier“ in Bremen gesagt, „große Oper“ mit zerstreuendem Ende. Noch einmal fliegt ein Fallschirm durch die Luft. Wer mag, kann einen Gruß an den großen Horst Schimanski darin erkennen.

          Der Tatort: Wo ist nur mein Schatz geblieben? läuft am Oster-Montag um 20.15 Uhr im Ersten.

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