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Lessingtheater restauriert : Herr Nathan wohnt hier nicht mehr

  • -Aktualisiert am

Erneuert, erweitert, bespielt: Das Lessingtheater in Wolfenbüttel ist wieder geöffnet - dank eines gelungenen architektonischen Kraftakts und Kompromissen beim Denkmalsschutz.

          3 Min.

          Seit 1770 Bibliothekar der herzoglichen Bibliothek in Wolfenbüttel, verbrachte Gotthold Ephraim Lessing dort, nach der Heirat mit Eva König, zwischen 1776 und 1777 nach eigener Bekundung das glücklichste Jahr seines Lebens. Dann aber raubte ihm der Tod schon im Januar 1778 die geliebte Frau und das neugeborene Söhnchen. Vereinsamt blieb er in der Dienstwohnung zurück; der Hof war bereits 1753 nach Braunschweig übergesiedelt.

          Im heutigen Wolfenbüttel dagegen ist Lessing allgegenwärtig: Lessingstadt, Lessinghaus, Lessing-Akademie, Lessingbrot. Wie also sollte hier ein städtisches Theater anders als nach dem Dichter benannt sein? Doch von der Eröffnung des 1835 erbauten Schlosstheaters über den Ersatzbau des Jahres 1909 bis zu dessen Umbenennung dauerte es sage und schreibe 94 Jahre - von 1929 an besaß Wolfenbüttel ein Lessingtheater.

          Überdeckt mit Ornamenten 

          Im Jahr 1904 hatte der Braunschweiger Architekt Otto Rasche mit Genehmigung des Regenten Prinz Albrecht von Preußen den Auftrag für ein neues Theater erhalten; 1909 wurde es mit 741 Plätzen eröffnet - und mit dem Stolz auf mehr als vierhundert Jahre Wolfenbütteler Theatertradition. Denn der Welfenhof gilt als Wiege-Stätte des deutschen Theaters. Otto Rasche hatte das Theater in einem mit neoklassizistischen Elementen gemischten Jugendstil gestaltet - die Fassade mit spätpalladianisch harmonischen Proportionen, einem dreiachsigem Portikus in der Mitte und einem fast behäbigen Walmdach. Im Inneren folgen Eingangshalle, Zuschauerraum und Bühne direkt aufeinander, flankiert von Wandelgängen mit Garderoben und theaterbetrieblichen Nebenräumen im Bühnenhaus.

          All das überzog der Architekt mit fulminanter Ornamentik, in der Rasch, beraten vom seinerzeit als Theaterexperte berühmten Münchner Architekten Max Littmann, rokokoartige Elemente jugendstilhaft überformte und mit klassizistischen Einsprengseln versah - außen als Reliefs, innen als Wandmalerei. Im Giebel präsentieren zwei Engel das Welfenwappen.

          Erfolgreiche Überzeugungsarbeit

          Im Jahr 2007 musste das charmante, von den Wolfenbüttlern geliebte Haus aus Brandschutz- und Sicherheitsgründen geschlossen werden. Erst 2010 beschloss die Stadt, die schon 2002 einen Wettbewerb ausgeschrieben hatte, den das Berliner Architekturbüro Springer gewann, die Ausführungsplanung und Realisierung dem Braunschweiger Büro Struhk zu übertragen. Dieses Team hat neben Wolfenbüttels Landesmusikakademie zahlreiche weitere Bauten für Bildung, Medien, Verwaltung, Industrie und Wohnen in ganz Deutschland erstellt, ein Theater allerdings war für Hans Struhk, den emeritierten Architekturprofessor der Leibniz-Universität Hannover, Neuland.

          ... Gotthold Ephraim Lessing ist im Innern wenigstens durch Zitate im Foyer anwesend, das nach dem Um- und Ausbau größer und heller geworden ist
          ... Gotthold Ephraim Lessing ist im Innern wenigstens durch Zitate im Foyer anwesend, das nach dem Um- und Ausbau größer und heller geworden ist : Bild: Bernhard Janitschke

          Folgerichtig arbeitete das Büro sich in die Bestandsunterlagen ein, überarbeitete die bereits vorliegenden Entwürfe, erstellte Genehmigungs-, Ausführungs- und Kostenplanungen. Zudem war der Denkmalschutz davon zu überzeugen, dass für die Modernisierung des Theaters auch Opfer beim Bestand unerlässlich sein würden. Das Ergebnis: modernste Gebäude-, Brandschutz- und Bühnentechnik und eine stufenlos anhebbare Vorbühne als Orchestergraben.

          Das Gastspielprogramm steht

          Zusammen mit dem Hamburger Lichtplaner Peter Andres entwickelte man ein neues Beleuchtungskonzept. Um Raum zu gewinnen, wurden die unteren Wandelgänge von den ursprünglichen Garderoben befreit. Nicht zuletzt deswegen, weil das Architekturbüro Springer zwei symmetrisch angelegte Wintergärten an den Gebäudeseiten vorgeschlagen hatte, die man unbedingt realisieren wollte. So sind zwei Stahl-Glas-Konstruktionen entstanden, die als Foyer fungieren, aber auch für kleinere Veranstaltungen genutzt werden können.

          Sie flankieren das Theater außen in bronzeähnlicher Farbgebung, die sich mit mattgrünen Vorhängen dem Baumbestand ringsum einfügen und den hellen Gesamtbau umso strahlender hervortreten lassen, der schon in diesem Mai wieder bespielt wird - aber eben nur bespielt: ein Haus für Gastspiele, ein sogenanntes „Bespieltheater“. Das Programm bis Jahresende umfasst unter anderen den „Räuber Hotzenplotz“, „Potilla und der Mützendieb“, „Der kleine König Dezember“, „Maybebop“ und „Die Himmelskinder-Weihnacht“. Des Namensgebers Lessing Stücke sucht man in dieser Wintersaison hier vergebens. Die spektakulärste Veränderung im alten Haus, das am 25. September 1909 mit einer Aufführung von „Nathan dem Weisen“ feierlich eröffnet wurde, bildet das neue Untergeschoss.

          Hierfür wurde das Theater mit Abfangkonstruktionen aufgehängt, der morastige Untergrund ausgebaggert und mit Hochdruckinjektionen tragfähig gemacht, bis dann das Theater wieder auf einer wasserdichten Betonwanne abgesetzt werden konnte. Der Kraftakt diente dem Beschaffen von Garderoben, Toiletten und der von der Gebäuderückseite erschlossenen Technikzentrale. Große Sorgfalt wurde aber auch auf die Wiederherstellung des historischen Zustands verwandt: Die Wandgestaltung im Innenraum musste auf erneuertem Putz rekonstruiert werden. Mit dem Schließen einiger Türen zum Zuschauerraum bereicherte man die Dekorationen auf Wunsch der Bauherren um neue Wandbespannungen mit Zitaten von Lessing und einem seiner Vorgänger (als Wolfenbütteler Bibliothekar) - Gottfried Wilhelm Leibniz.

          Die Kosten von 19 Millionen Euro teilten sich der Bund, das Land Niedersachsen, der Landkreis Wolfenbüttel, die Curt-Mast-Stiftung, die Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Wolfenbüttels Bürgerbauverein und viele einzelne Spender.

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