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Lesestipendium in Graz : Was noch fehlt zum Glück

Beschäftigung für Nicht-Grazer aussichtslos: Hauptplatz und Schlossberg der steiermärkischen Landeshauptstadt Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

Statt wie gewohnt Autoren mit Stipendien zu locken, will die einstige österreichische Literaturstadt Graz jetzt einem Leser freie Kost und Logis gewähren. Die Bedingungen sind bestens, das Angebot ist verlockend - aber ungenau.

          „In Graz ist das Leben nicht glücklich“, fasste Péter Esterházy seine Eindrücke einst zusammen. Kollege Anselm Glück fand zwar: „Graz ist schön. Die Straßen sind voller Passanten.“ Urs Widmer hingegen erinnerte sich an „eine Stadt voller Verbraucher in pinkfarbenen Freizeitanzügen“. Als sich die österreichische Stadt anschickte, im Jahre 2003 Kulturhauptstadt Europas zu werden, hatte ein örtlicher Kleinverlag einige Schriftsteller gebeten, ihre Erinnerungen an das steirische Idyll zu notieren. Friedrich Achleitner brachte in seinem Beitrag die Vorbehalte auswärtiger Autoren damals auf den Punkt: „Sich mit Graz zu beschäftigen ist für Nicht-Grazer aussichtslos.“

          Das örtliche Feuilletonmagazin „Schreibkraft“ hat nun einen Ausweg aus besagter Aussichtslosigkeit gefunden und lobt zusammen mit den lokalen Literaturinstitutionen ein Stipendium der besonderen Art aus: Anstatt, wie so oft, einem Autor Kost und Logis zu gewähren, damit er in die und in der Stadt zum Schreiben kommt, wird in Graz erstmals ein Leser gesucht, der sich dort in drei spätherbstlichen Wochen in zehn selbstgewählte Werke vertiefen darf.

          Das wüssten wir gern noch etwas genauer

          Die Bedingungen sind gut: Fünf Bücher lebender deutschsprachiger Autoren und drei aus deutschsprachigen Kleinverlagen soll die Lektüreliste mindestens enthalten. Außerdem wird der Leser ersucht, sämtliche drei Wochen in Graz zu verbringen. Eine Gästewohnung wird für diese Zeit gestellt, dazu üppiges Kostgeld. So steht Nicht-Grazern ganz im Sinne Achleitners in Aussicht, sich in Graz in aller Ruhe nicht mit Graz beschäftigen zu müssen. Und lesen, sollte man meinen, kann man schließlich überall.

          Was fehlt da noch zum Glück? In unserem Internetforum für den Bücherfreund, der F.A.Z. Lese-Insel, wird die Umgebung, der Heimat- oder Urlaubsort, meist nur vage benannt, um dann genauer zu beschreiben, wie auf Kissen, im Sessel, am Stehpult oder in der Hängematte die Lektüre vollends zum Genuss wird. Jenseits von Raum und Zeit. Was kümmert uns Graz, was der November? Das mit der Gästewohnung, liebe Schreibkraft, wüssten wir allerdings doch gern noch etwas genauer: Ist es dort kommod? Hat es ein Kanapee? Hat der Sessel Ohren? Wohin ginge der Blick aus dem Fenster, wenn man doch einmal von den Seiten aufschaute? Fragen wie diese müssten entscheiden, ob die Literaturstadt von einst heute Lesekräfte anzieht.

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