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„Leselenz“ in Hausach : Dichterdichte

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Afrikanische Lyriker, niederländische Romanciers, internationale Stars: Ausgerechnet im winzigen Hausach im Schwarzwald kuratiert José F.A. Oliver erfolgreich das Literaturfest „Leselenz“.

          An normalen Tagen ist die Schwarzwald-Modellbahn die große Sehenswürdigkeit von Hausach. Im Winzmaßstab ziehen in einer Halle gegenüber vom echten Bahnhof die Züge über Hügel und Viadukte, durch Tunnel und Wälder ihre computerisierte Bahn. Dann gibt es in Hausach noch gut fünftausend Einwohner und die traditionelle Schwarzwaldsommerfrische, der Holländer und Belgier inzwischen treuer die Treue halten als die mallorcaverrückten Deutschen.

          Doch was sind in Hausach schon normale Tage, wenn Gedichte der Weltliteratur die Straßenlaternen entlang der Hauptstraße beflaggen, wenn im Rathaus Lesungen massenhaft Publikum anziehen, wenn Stadthalle und Jugendzentrum zum Schauplatz von Alternativrock, Liedermacherei und Poetry Slam werden, wenn afrikanische Lyriker mit niederländischen Romanciers über die Zukunft der EU ins Gespräch kommen und Schwergewichte der deutschen Literatur wie Ilija Trojanow oder Feridun Zaimoglu nurmehr einen maßgeblichen Fahrplan kennen, nämlich den mit der schnellsten Verbindung nach Hausach im Kinzigtal. Denn in dieser anomalsten Woche des Jahres mitten im Juli bricht im kleinen Hausach der „Leselenz“ an, ein in den Sommer gerutschtes Frühlingserwachen der Literatur, das den fröstelnden Schwarzwäldern wenigstens auf dem Papier Wärme verheißt.

          Seit fünfzehn Jahren stampft der Hausacher Dichter José F. A. Oliver eines der spannendsten deutschen Literaturfestivals aus dem kargen Mittelgebirgsboden, organisiert Dichter-Stipendien und schafft es als akkurater Fahrdienstleiter, mit seinen schreibenden Gästen im Heimatkleinstädtchen die höchste Dichterdichte Mitteleuropas herzustellen. Während Olivers Vater einst als spanischer Zuwanderer in der Hosenträger- oder Strohhutfabrik sein Geld verdiente, belebt der Sohn nun die örtliche Gärtnerei oder eine „Erzählhütte“ mit immateriellen Lesewerten. Und wer meint, die Dichter würden im winzigen Hausach keine Resonanz finden, der begreift das Schwarzwald-Echo vor lauter Nadelbäumen nicht: Gerade hier strömen regelmäßig gut zweihundert Interessierte zur Literatur, überfüllen die kleinen Säle und kaufen die Büchertische leer. In Metropolen und bei Buchmessen gehen zuweilen selbst internationale Stars wie der Niederländer Arnon Grunberg oder Friedrich Christian Delius im dichten Intercitybetrieb unter.

          Im sonst so stillen Hausach keineswegs. Hier, wo Bahn und Literatur gleichermaßen Modellcharakter haben, gehören Schriftsteller noch selbstverständlich zum öffentlichen Nah- und Fernverkehr.

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