https://www.faz.net/-gqz-aiii1

Innovation in Italien : Lernen von Leonardo

  • -Aktualisiert am

Flugtaxis? So wird das nichts, liebe Italiener: Schlüsselübergabe des neuen Fiat 500 von Roberto Debortoli an Botschafter Armando Varricchio. Bild: obs

Ein italienischer Minister sorgt sich um die Innovationskraft seines Landes, er will mehr technische Kultur und weniger Antike an den Schulen. Er könnte es besser wissen.

          1 Min.

          Eines der seltsamsten Worte, das sich die Koalitionäre in ihren Absichtserklärungen zu den Kulturinstitutionen und ihren zukünftigen Aufgaben haben einfallen lassen, lautet „Innovationstreiber“. Wie ist man, wenn man so ein Treiber ist? Man sieht unwillkürlich einen Maler vor sich, der einem Ingenieur einen nassen Pinsel in den Nacken hält, damit der schneller forscht, oder ein Theaterensemble, das im Laufschritt schläfrige Biologen in die Labore treibt. Man ahnt, was damit gemeint ist, aber man sieht auch die Gefahr – dass Kultur ihren Status als zweckfreier Ort des Denkens und Probierens verliert und immer enger in ein ökologisches und technologisches Fortschrittsnarrativ eingespannt wird.

          Anderswo ist die Lage der Kultur in Zeiten erhöhter Nervosität und grundlegender digitaler und ökologischer Gesellschaftsumbauvorhaben aber nicht besser: Eben hat der italienische Minister für den ökologischen Übergang, Roberto Cingolani, in einer Art Brandrede erklärt, die Kinder sollten an den Schulen gefälligst nicht immer so viel Antike, sondern „eher die technische Kultur“ kennenlernen: Italien müsse „junge Menschen für die Berufe der Zukunft, die der digitalen Manager, ausbilden. Was nützt es, die Punischen Kriege im Laufe von zwölf Schuljahren viermal zu studieren?“ Schon heute habe Italien bei gleicher Bevölkerung dreißig Prozent weniger Innovatoren als etwa Frankreich. Wie man den Anteil von Innovatoren an einer Bevölkerung errechnet, verrät der studierte Physiker nicht – aber wenn man das Pensum an antiken und klassischen Autoren, das französische Schüler am Lycée zu lesen haben, und die Zahl der Museumsbesuche von Schulklassen betrachtet, kann Frankreichs relativer Erfolg nicht daran liegen, dass man dort die klassische Kultur an den Schulen auf ein Minimum heruntergedampft und die Ausbildung Tech-Innovationstreibern wie Cingolani überlassen hätte.

          Vielleicht brauchten auch Italiens Schulen umgekehrt noch mehr von einer Kultur, die Technologie und klassische Künste nicht als Gegensätze, sondern als vernetzt und Teile eines innovativen Denksystems betrachtet. Für diese Haltung steht wie kein anderer der Name eines italienischen Künstlers, Wissenschaftlers und Universalgelehrten, den Cingolani kennen könnte – zumal er noch 2019, bevor er Minister im Kabinett Draghi wurde, als Leiter des Bereichs „technologische Innovation“ für einen großen italienischen Luftfahrt- und Rüstungskonzern arbeitete, der den Namen dieses Künstlers trägt: Leonardo.

          Niklas Maak
          Redakteur im Feuilleton.

          Weitere Themen

          Pariser Obelisk wird restauriert Video-Seite öffnen

          Place de la Concorde : Pariser Obelisk wird restauriert

          Anlass der Reinigung des Monuments ist der 200. Jahrestag der Entzifferung der Hieroglyphenschrift durch Jean-François Champollion. Das eine Million Euro teure Vorhaben wird zu einem Großteil durch das deutsche Unternehmen Kärcher finanziert.

          Topmeldungen

          Schlagfertig auch auf Englisch: Christian Lindner (rechts) trifft in Brüssel auf Christine Lagarde und Bruno Le Maire.

          Lindner bei EU-Treffen : Der freundliche Falke in Brüssel

          Bundesfinanzminister Christian Lindner absolviert seinen ersten Auftritt in Brüssel souverän. Seine Äußerungen zur Reform der EU-Haushaltsregeln bleiben aber nebulös.
          Schützt am meisten: Eine Mitarbeiterin im Berliner Humboldt-Forum bereitet Spritzen für die Impfung vor.

          Immunität durch Infektion : Omikron ersetzt die Impfung nicht

          Die aktuelle Omikron-Welle kann Delta zurückdrängen, manche hoffen auf einen Immunschutz. Wieso das jedoch in die Irre führen kann – und was für die Impfpflichtdebatte bedeutet.