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Leoluca Orlando zum 70. : Der Löwe von Palermo

Leoluca Orlando nach seiner Wiederwahl 2017. Bild: AP

Kampf gegen Müll und Mafia: Seit Leoluca Orlando Bürgermeister von Palermo ist, blüht die Stadt auf. In Deutschland kennt man ihn hingegen vor allem als Schriftsteller. Heute wird er siebzig Jahre alt.

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          Als er am Morgen nach der Wahl, die ihn am 11. Juni zum fünften Mal zum Bürgermeister von Palermo gemacht hatte, gefragt wurde, wie er das denn – gleich im ersten Durchgang, mit 46 Prozent der Stimmen – geschafft habe, antwortete Leoluca Orlando: „Erst war ich der Sohn dieser Stadt, dann ihr Bruder, schließlich ihr Vater.“ Er sagte diesen Satz auf Deutsch, das er seit dem Studium in Heidelberg fließend spricht, und wiederholte ihn danach auf Italienisch. Um gleich anschließend zum ersten Termin zu eilen. Im Hafen hatte ein Schiff mit 724 Flüchtlingen angelegt. Das Stadtoberhaupt hieß sie persönlich willkommen.

          Andreas Rossmann

          Freier Autor im Feuilleton.

          Denn das ist das Ziel jenes „Weges in die Normalität“, den sich Leoluca Orlando mit seiner Stadt vorgenommen hat: Aus der Hauptstadt des Verbrechens, die, als er 1985 zum ersten Mal an ihre Spitze gewählt wurde, 250 Mafiamorde im Jahr zu beklagen hatte, eine Hauptstadt des Willkommens und der Kultur zu machen – offen, bunt, multiethnisch, multireligiös, wie sie das in ihrer Blütezeit, unter den Normannen und Staufern, gewesen ist. In der „Charta von Palermo 2015“ hat Orlando seine Vision einer anderen Flüchtlingspolitik dargelegt: „Von der Migration als Problem zur Freizügigkeit als unveräußerlichem Menschenrecht.“

          Heute regiert er als Unabhängiger

          Noch, so erklärt „Papà“ Orlando mit koketter Bescheidenheit, seien erst 45 von den hundert Kilometern des Weges zurückgelegt, doch wie viel erreicht ist, erfährt er auch am eigenen Leib: Früher hatte er zwölf Bodyguards und einen eigenen Notarztwagen, heute sind es zwei. Palermo erlebt unter ihm einen Frühling: 1997 wurde das prächtige Opernhaus Teatro Massimo wiedereröffnet, seitdem Museen hergerichtet, Parks angelegt, viele Paläste restauriert und Altstadtviertel saniert, zuletzt das Zentrum vom Autoverkehr befreit. Die Mafia und der Müll sind nicht besiegt, aber so weit zurückgedrängt, dass die Stadt sicher und sauber ist. Auch der inkompetenten Bürokratie und der korrupten Politik hat Orlando den Kampf angesagt, und so Palermo, das 2018 „Italienische Kulturhauptstadt“ sein wird, für Investoren attraktiv gemacht.

          Es war das Attentat auf Piersanti Mattarella, den Präsidenten der Region Sizilien und Bruder des heutigen Staatspräsidenten, der 1980 von der Cosa Nostra ermordet wurde, das den jungen Juraprofessor und Berater des Christdemokraten in die Politik gehen ließ: 1980 wurde er zum Stadtrat, 1985 erstmals (bis 1990), 1993 und 1997 abermals (bis 2000) zum Bürgermeister gewählt; erst 2012 ist er, nach einer Niederlage 2007, in das Amt zurückgekehrt. Auf seinem beharrlichen, gegen viele Widerstände durchgesetzten Weg hat der wortmächtige Intellektuelle und charismatische Kümmerer, der 1991 die Democrazia Cristiana verließ und die Anti-Mafia-Bewegung „La Rete“ (Das Netz) gründete, mehrfach die Partei gewechselt; heute regiert er als Unabhängiger und legt wie Emmanuel Macron Wert darauf, dass seinem Kabinett nicht Parteipolitiker, sondern Fachleute angehören.

          Mehr als in Italien ist der unkonventionelle Sizilianer in Deutschland auch als Schriftsteller bekannt: So mit seiner Autobiographie „Ich sollte der Nächste sein“ (2002) und dem Geschichtenband „Der sizilianische Karren“ (2004). Der zweirädrige Eselswagen seiner Heimat symbolisiert das Politikverständnis von Leoluca Orlando, der heute seinen siebzigsten Geburtstag feiert: Das eine Rad steht für Rechtmäßigkeit, das andere für Kultur, und nur wenn beide sich gleich schnell drehen, kommt die Stadt voran.

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