https://www.faz.net/-gqz-6vd5m

Leo Frobenius : Der Moderne wider Willen

  • -Aktualisiert am

Ein früher Pollock? Oder doch Höhlenmalerei? 1937 zeigte das Museum of Modern Art diese Kopie eines Felsbilds in Simbabwe-gesehen hat es Pollock in New York Bild: Frobenius-Institut, Frankfurt

Die Kulturkreislehre des Kaiserfreundes Leo Frobenius galt lange als Sackgasse der wissenschaftlichen Evolution. Jetzt wird entdeckt, was Frobenius für die moderne Kunst bedeutet.

          7 Min.

          Wem sagt der Name Leo Frobenius noch etwas? Mit Frobenius, dem Afrikareisenden, Abenteurer und Anthropologen, machte sich so lange niemand mehr die Finger schmutzig, bis der Starforscher vergessen war. Vorzuwerfen ist das den für sein Erbe mutmaßlich Zuständigen nicht. Frobenius stand, bevor er 1938 starb, zu häufig auf der falschen Seite - zuerst als Freund des Kaisers, später als Sympathisant der Nationalsozialisten. Und deshalb kam auch in Frankfurt, als in den achtziger Jahren ein Museum nach dem anderen gebaut wurde, kein Kulturpolitiker auf die Idee, die in der Stadt befindlichen Sammlungen von Frobenius zu neuen Ehren kommen zu lassen: Sie blieben in den Kellern der Goethe-Universität und des damaligen Völkerkundemuseums.

          Doch jetzt ist eine Geschichte bekanntgeworden, die einen Stein ins Rollen gebracht hat, dessen Spur aus den dreißiger Jahren bis in die Gegenwart führt. Ein überraschendes neues Kapitel der Kunstgeschichte wird aufgeschlagen.

          An dem einen Ort bespuckt, an dem anderen gefeiert

          Die Geschichte geht so: Im Frühjahr 1937 liefen in Deutschland die Vorbereitungen für die Wanderausstellung „Entartete Kunst“ auf Hochtouren, die einem Massenpublikum die Verderbtheit der Avantgarden vor Augen führen sollte. Während der vierjährigen Laufzeit kamen mehr als drei Millionen Menschen, ein unvergleichlicher Propagandaerfolg. Im zwanzigsten Jahrhundert sollte keine deutsche Ausstellung mehr Besucher anziehen. Noch im April 1937 fährt allerdings - ebenfalls mit Unterstützung der Nationalsozialisten - Frobenius auf einem Dampfer nach New York, um dort in einer Institution eine Ausstellung zu eröffnen, die nach nationalsozialistischem Kunstverständnis als Hochburg des Entarteten gelten muss: im Museum of Modern Art. In Amerika wird Frobenius wie ein Star empfangen. Er residiert im Ritz Carlton Hotel, seine Suite und Limousine zahlt Walter P. Chrysler Jr., Kunstsammler und Sohn des Automobilmagnaten.

          Diese Felsbildkopie stammt aus Namibia

          Die Presse jubelt, als die Ausstellung „Prehistoric Rock Pictures in Europe and Africa“ eröffnet; gezeigt werden Bilder aus Frobenius’ berühmter Felsbildsammlung - zusammen mit Werken von Paul Klee, Hans Arp oder Joan Mirò. Die Botschaft ist klar: Wer die Moderne für den Auswuchs einer degenerierten Zivilisation hält, irrt - Abstraktion und Verfremdung kennzeichnen bereits die prähistorische Felsmalerei. Die Idee, die Moderne als vitale Urkunst vorzustellen, stammt von Alfred H. Barr, dem legendären Gründungsdirektor des Museums of Modern Art, der zu diesem Zweck Frobenius ein Jahr zuvor an dessen 1925 in Frankfurt gegründetem Institut besucht hatte. Kurzum: Was man in München in einer Schandausstellung bespuckt, wird in New York gefeiert.

          Das ist nicht einmal falsch

          Rekonstruiert hat diese folgenreiche Geschichte der Historiker und Ethnologe Richard Kuba, Mitarbeiter des Frobenius-Instituts an der Frankfurter Goethe-Universität, die im Besitz von etwa 8600 Felsbildkopien ist. Über Jahrzehnte galt das Archiv als raumfressende Altlast. Nun aber ist es zur Verblüffung aller zu einem breiten Fluss geworden, in den jeder seine Angel halten kann, um einen dicken Fisch herauszuziehen. Jeder - das sind Kunsthistoriker, Ethnologen, Museumsleute oder Archäologen. Von 2006 bis 2009 wurde das Archiv digitalisiert und online gestellt. Seitdem werden rund um Frobenius’ nachgelassenes Werk Forschungsprojekte beantragt. Anfragen von südafrikanischen Archäologen, die nach Frobenius’ Vorlagen inzwischen zerstörte Höhlen rekonstruieren wollen, gehören zur Tagesordnung.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Ein Chinese kehrt aus einem Beerdigungsinstitut in Wuhan mit einer Urne zurück, die die Asche eines Angehörigen enthält.

          Corona-Pandemie : Wie glaubwürdig ist Chinas Statistik?

          Hat die Regierung in Peking die Zahl der Infizierten und Toten in der Corona-Pandemie geschönt? Der seit Langem bestehende Verdacht erhält neue Nahrung durch einen amerikanischen Geheimdienstbericht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.