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Gespräch zum Holocaustgedenken : Wie viel Erinnerung brauchen wir?

Die Mauer der Nationen an der Gedenkstätte Ravensbrück Bild: Picture-Alliance

Es gibt nur noch wenige Zeitzeugen, die vom Holocaust erzählen können. Was bedeutet das für die Erinnerungsarbeit in den ehemaligen Konzentrationslagern? Ein Gespräch mit der Leiterin der Gedenkstätte Ravensbrück Insa Eschebach.

          Mehr als siebzig Jahre sind seit Ende des Zweiten Weltkriegs vergangen. Es gibt nur noch wenige Zeitzeugen, die den Holocaust überlebt haben und selbst davon erzählen können. Was bedeutet dieser Generationswechsel für die Arbeit der Gedenkstätten in den ehemaligen Konzentrationslagern?

          Hannah Bethke

          Feuilletonkorrespondentin in Berlin.

          Der Generationswechsel hat ja nicht erst gestern oder vorgestern begonnen, sondern begleitet uns schon seit Jahrzehnten. Das Wissen über den Nationalsozialismus wird inzwischen kaum mehr im Gespräch mitgeteilt. Die medial vermittelten Bilder spielen deshalb eine immer größere Rolle. Wir haben alle Hände voll zu tun, da behutsam zu korrigieren. Aleida Assmann hat dafür so einen guten Begriff: Wir müssen den Besuchern einen „leisen Widerstand“ entgegensetzen. Die haben „Schindlers Liste“ gesehen, die fragen: Wo sind hier die Gaskammern? Dabei hat gerade Ravensbrück – hier waren etwa 120000 Frauen aus mehr als dreißig europäischen Ländern inhaftiert – auch viele andere Geschichten zu erzählen.

          Wie wollen Sie gegensteuern?

          Wir wollen zeigen, dass so ein Ort wie Ravensbrück ein Ort unendlich vieler Geschichten ist, die nicht einzig in den Bildern des Holocaust aufgehen. Es hat sehr viele andere Haftgruppen gegeben, die relativ unbekannt sind. Es ist unsere Aufgabe, auch darüber etwas zu erzählen.

          In den Diskussionen über unsere Gedenkkultur sagen die einen, es gebe zu viel, die anderen, es gebe zu wenig Erinnerung. Wie sehen Sie das? Gibt es einen richtigen oder falschen Weg der Erinnerung? Oder ist jedes Gedenken gleichermaßen angemessen?

          Erst mal würde ich sagen, dass Gedenken mit Erinnerung gar nicht so viel zu tun hat, weil Gedenken sich immer auf einen Ausschnitt der Geschichte richtet. Gedenken ist immer ohne Gedächtnis. Würde man sich erinnern, würde man sich an eine Vielzahl von ganz unterschiedlichen Ereignissen erinnern, aber das Gedenken fokussiert auf einen Aspekt, beispielsweise auf eine bestimmte Gruppe von Toten, in Ravensbrück etwa auf die polnischen Frauen, auf die Sinti- und Roma-Frauen, auf die lesbischen Frauen.

          Insa Eschebach

          Interessant am öffentlichen Gedenken lesbischer Frauen ist, dass die Frauen sich in den dreißiger, vierziger Jahren selbst nicht unbedingt so bezeichnet haben. Das heißt, wir aktualisieren etwas, was in dieser Form diskursiv nicht vorhanden war – als ob in der Vergangenheit Aktualitäten schlummern, die aber erst aus unserer Gegenwartsperspektive aufgeweckt werden sollen. Doch ist es überhaupt legitim, das zu tun? Besteht nicht die Gefahr, dass wir durch unsere Gegenwartsinteressen manchmal auch übergriffig sind, invasiv die Vergangenheit für unsere Zwecke nutzen? Andererseits tun das eigentlich alle, die öffentlich gedenken. Auch wenn die Bundeskanzlerin einen Kranz niederlegt, ist das ja nicht ein interesseloses Gedenken.

          Gibt es auch so etwas wie ein Verblassen der Erinnerung? Ist Erinnerung irgendwann nicht mehr wichtig?

          Das beobachte ich nicht. Man muss nur den Fernseher anschalten und findet jeden Abend mit Sicherheit irgendeine Sendung, die Aspekte des Dritten Reichs berührt. In den Medien ist das Thema Nationalsozialismus sehr präsent, bis hin in den pornographischen Sektor, SS-Aufseherinnen werden beispielsweise sexualisiert dargestellt. Aber darüber hinaus ist es ja so, wie der ehemalige Bundespräsident Gauck einmal gesagt hat: Es gibt keine deutsche Identität ohne Auschwitz. Sowohl in der Populärkultur als auch in den Medien als auch im politischen Selbstverständnis der Bundesrepublik ist der Nationalsozialismus ein Referenzpunkt.

          Sehen Sie nicht die Gefahr, dass sich das ändern könnte? Wenn man etwa an das schwindende Wissen über den Holocaust denkt, das bei vielen Schülern zu beobachten ist, oder auch an die oft artikulierte Abneigung, sich mit dem Nationalsozialismus zu beschäftigen, könnte man doch einen anderen Eindruck bekommen.

          Früher wurde der Nationalsozialismus in Schulen und Gedenkstätten häufig auf eine Weise thematisiert, die mit einem starken moralischen Appell einherging. Jugendliche reagieren auf diese Art der Belehrung heute eher genervt. Die moderne Gedenkstättenpädagogik hat sich von diesen Konzepten längst weit entfernt. Statt auf normierende Zugänge setzen wir heute auf partizipative Formate, die auch die Jugendlichen ansprechen. Leider wird der Geschichtsunterricht in den Schulen immer mehr abgebaut – das geht zu Lasten der historischen Bildung insgesamt.

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