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Leipziger Buchmesse : Kommen Sie mir bloß nicht mit E-Books!

  • -Aktualisiert am

Messe-Mitbringsel: Zweitausend Verlage haben in Leipzig gezeigt, dass sie ein Herz für Literatur haben - nicht nur für die deutsche Bild: dpa

Viele Propheten und Visionäre in einem großen Lesesaal: Auf der Leipziger Buchmesse war häufig von alten Tugenden die Rede - und selten von neuen Herausforderungen.

          Die Leipziger Buchmesse begann mit einem Weckruf und endete in einem kollektiv gesungenen Schlaflied. Nun weiß man ja, dass die Buchbranche im Frühjahr eher nicht in der Erwartung nach Sachsen reist, dort große Deals abzuwickeln oder hochtalentierte, bis dato völlig unbekannte Autoren zu entdecken. Vielmehr fahren Buchmenschen aus scheinbar profaneren, in Wahrheit aber nicht weniger wichtigen Gründen nach Leipzig, um sich nämlich nach einem langen, einsamen Lesewinter den Staub aus den Gliedern zu klopfen, sich unter Gleichgesinnten ihrer selbst zu vergewissern und einen gemeinsamen Aufgalopp ins neue Buchjahr zu zelebrieren. Das ist gute Tradition.

          Lena Bopp

          Redakteurin im Feuilleton.

          Und so mutete es doch wie eine kleine Störung im Betriebsablauf an, als der Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, Gottfried Honnefelder, zur Eröffnung mit Blick auf die aktuelle Diskussion um den Schutz des geistigen Eigentums sogleich von seinen Sorgen sprach. Der Schutz des Urheberrechts und der freie Zugang zu Informationen im Internet, der free flow of information, würden sich nicht widersprechen, sondern ergänzen - vorausgesetzt, man übersetze „free“ nicht mit „kostenfrei“. Ganz besonders hob Honnefelder dann die Rolle der Verleger, Agenten und Lektoren hervor, jener Menschen, „die kulturelle Inhalte entdecken, veredeln und der Öffentlichkeit gegenüber sichtbar machen“. Ob denn Verlage und Autoren nicht Partner wären, die gemeinsam daran arbeiten, das Werk in bestmöglicher Form erscheinen zu lassen? Ob Verlage etwa ein leichteres Feindbild abgeben würden? Das waren seine Fragen.

          Was Verlage wirklich leisten

          Und dann geschah etwas Seltsames. Denn an den folgenden Tagen war es, als hätte die gesamte Branche ihrem Vorsteher genau zugehört, und man begann sich gegenseitig zu loben und einander zu danken, dass es eine einzige, helle Freude war. Schon die Historiker Ian Kershaw und vor allem Timothy Snyder, die mit dem Buchpreis zur Europäischen Verständigung ausgezeichnet wurden, wandten nicht unbedeutende Teile ihrer Reden darauf, all denen ihren Dank auszusprechen, ohne die ihre Bücher über die Terrorregime Hitlers und Stalins nicht erschienen wären - wobei sie neben Familienangehörigen und Lehrern ausdrücklich Archivare, Lektoren und Übersetzer nannten.

          Und am nächsten Tag, als Jörg Baberowski für sein Buch „Verbrannte Erde. Stalins Herrschaft der Gewalt“ den Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Sachbuch gewann, da eilte er ans Rednerpult auf die Bühne, um dort als einer der Ersten seinem Lektor Sebastian Ullrich vom Verlag C. H. Beck zu danken. Und zwar einerseits, wie er später erklärte, weil der ihn auf die Idee gebracht habe, ein Schlusskapitel über „Stalins Erben“, also die Befreiung der UdSSR von Stalins Terror durch Chruschtschow, anzufügen. Vor allem aber, weil er ihn einfach immer wieder bestätigt und ihm signalisiert habe, auf dem richtigen Weg zu sein, so wie Menschen, deren Arbeit darin besteht, viele Stunden alleine über einem Text zu brüten, es zuweilen brauchen.

          In Deutschland angekommen: E-Books erzielen nur einstellige Umsätze, aber viele Verlage haben festgestellt, dass die Dinge gerade in Bewegung geraten sind Bilderstrecke

          Auch der Lyriker und Übersetzer Alexander Nitzberg, der für Galiani gerade Michail Bulgakows „Der Meister und Margarita“ aus dem Russischen neu übersetzt, erzählte in einem Augenblick, in dem er sich am Stand seines Verlages eine Verschnaufpause vom Messegewühl gönnte, dass er seit rund fünf Jahren an dieser Übersetzung arbeite, dass er zuweilen in einem Absatz steckenbleibt und nur zwei Sätze am Tag schafft. „Wenn man weiß, dass man noch dreihundert Seiten vor sich hat, ist das schrecklich.“ Und dann sei es eben wichtig, im Verlag jemanden zu haben, dem man vertraut, der die vorgelegte Arbeit zwar kritisiert, aber mit einem Gespür für die Mühsal, die sie dem Übersetzer bereitet hat.

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