https://www.faz.net/-gqz-6yj68

Leipziger Buchmesse : Kommen Sie mir bloß nicht mit E-Books!

  • -Aktualisiert am

Er sprach’s - und wusste nicht, dass nur wenige Augenblicke zuvor am Nachbarstand der kleine, unabhängige Verlag Das Wunderhorn aus Heidelberg für besondere verlegerische Verdienste ausgezeichnet worden war. Verleger Manfred Metzner nutzte die Gunst der Stunde, um diesen guten alten Tugenden, die während der Buchmesse so auffallend großen Zuspruch erfuhren, dem Vertrauen, der Sensibilität, dem Respekt und der Wertschätzung, einen weiteren hinzuzufügen: die Autorentreue. Einen Verlag wie seinen - der um große Auflagenzahlen meist ohnehin nicht mitspielen kann - zeichne dies genauso aus wie eine Innovationskraft, der die deutschen Leser etwa die Entdeckung des französischen Autors Jean Carrière oder den Shortlist-Kandidaten des Deutschen Buchpreises von 2011, Michael Buselmeier, verdankten. Diese, vom zahlreich erschienenen Publikum mit viel Applaus bedachte Rede schloss er mit einem Ruf an den Staat, der, sofern es ihm ernst sei mit dem Schutz des Kulturgutes Buch, auch die unabhängigen kleinen Buchhandlungen schützen müsste, „in denen sich die Vielfalt der Buchproduktion widerspiegelt“.

Können die Algorithmen es besser?

Dies war die eine Seite der Buchmesse. Es war, als hätte man sich abgesprochen, Gottfried Honnefelder recht zu geben in seinem Lob der Verlage, als wollte man der Welt durch solidarisches Zusammenstehen zeigen, dass es ohne die alten, gewachsenen Strukturen mit Verlegern, Vertretern und Buchhandlungen nicht geht. Und doch waren auch andere Stimmen zu vernehmen, naturgemäß solche die weniger Zuhörer und schon gar keinen Applaus anzogen. Denn nur kurz nachdem der Wunderhorn-Verleger zum Schutz des Buchhandels aufgerufen hatte, prophezeiten andere nur wenige Meter entfernt schon seinen endgültigen Untergang. Der Journalist und Schriftsteller André Hille, der vor kurzem eine App mit Kurzgeschichten für Smartphones auf den Markt gebracht hat, sieht besonders die kleineren Läden in einem Dilemma: einerseits stünden sie durch Bestseller unter Normierungsdruck, andererseits funktioniere eine Spezialisierung auf bestimmte Themen oft auch nicht. Zudem sieht er eine, wenn nicht die entscheidende klassische Buchhändler-Kompetenz starker Konkurrenz ausgesetzt - die Algorithmen etwa von Amazon könnten die Kunden nämlich genauso gut oder sogar besser beraten. „Berufe wie der Vertreter und der Buchhändler haben nicht viel Zukunft.“

Wie richtig er mit dieser Einschätzung liegen könnte, zeigt eine Entwicklung, der die Messe vor allem, wie es schien, aus einem gewissen Überdruss nicht allzu viele Wortmeldungen widmete. Dabei ist die Unlust, sich mit E-Books zu beschäftigen, durchaus verständlich. Seit Jahren wird deren Durchbruch auf dem deutschen Buchmarkt vorhergesagt, ohne dass die Umsätze lange Zeit nennenswert gestiegen wären. Auch jetzt bewegen sie sich zwar nach wie vor nur im niedrigen einstelligen Bereich, aber viele Verlage haben festgestellt, dass die Dinge gerade in Bewegung geraten sind. Tom Erben, Geschäftsführer beim Aufbau Verlag, spricht von einem Umsatzanteil von zwei Prozent, erwartet für 2012 aber mindestens eine Verdopplung im Vergleich zum Vorjahr. Auch Hoffmann & Campe und die Verlage von Random House haben seit Weihnachten einen deutlichen Zuwachs bei den E-Book-Verkäufen verzeichnet. Viel, so war zu hören, spreche dafür, dass diese erste Verkaufsspitze auf das Ausprobieren der zahlreichen Lesegeräte zurückzuführen sei, die an Weihnachten verschenkt wurden. Dieses Niveau werde man nicht halten, man werde aber auch nicht auf jenes der Vorjahre zurücksinken. Kurzum: Das E-Book ist in Deutschland angekommen.

In Leipzig führte das allerdings nicht zu großer Unruhe. Zwar dürfte Gottfried Honnefelder genau dies im Sinn gehabt haben, als er seine eröffnende Warn-Rede hielt. Doch lassen sich alte Gewohnheiten eben nicht so ohne weiteres ändern, und so blieb diese Buchmesse in Leipzig, was sie wohl schon immer war: ein großer geschützter Lesesaal, in dem Autoren wie Péter Nádas, Martin Walser und Thomas von Steinaecker beeindruckende Massenaufläufe verursachten und auch Christian Kracht bei der einzigen Lesung, die er hielt, die Fans anzog - obwohl er deren Fragen nicht beantworten wollte. Er war aber der Einzige, der sich dem öffentlichen Gespräch entzog. Alle anderen sprachen sehr viel über Bücher und wenig über das Geschäft.

Weitere Themen

Topmeldungen

Pendler auf der London Bridge

Mobilität : Wie London die Verkehrsflut meistert

Die größte Stadt Europas baut ihr Bahnnetz aus und nutzt Big-Data-Analysen, um die U-Bahn zu verbessern. Ein anderes Verkehrsmittel soll hingegen aus der City verbannt werden – und das schon diesen Sonntag.
Ashton Applewhite

Altersdiskriminierung : „Man kann nicht jung bleiben“

Die Amerikanerin Ashton Applewhite kämpft gegen eine Form der Diskriminierung, über die kaum jemand spricht, obwohl sie jeden irgendwann treffen wird. Ein Gespräch über Altersdiskriminierung.
Zur Arbeit auf dem Pedelc – das schon die Umwelt und langfristig die Geldbörse.

Klimapaket : Wie teuer wird es für mich?

Das Klimapaket der Bundesregierung kostet manche Leute Geld, anderen bringt es eine Ersparnis. Wir haben einige Fälle durchgerechnet. In manchen Fällen können Pendler zum Beispiel sogar Geld sparen.
Das war’s: Antonio Brown zieht die Schuhe nicht mehr an für die Patriots.

Suspendierter NFL-Star Brown : Der tiefe Fall des Ballfängers

Das erwartbare Ende einer Football-Karriere: Nach dem Vorwurf sexueller Übergriffe kündigen die Patriots und Nike ihre Millionenverträge mit dem NFL-Profi. Eine Zukunft in der NFL ist so gut wie ausgeschlossen.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.