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Leipziger Buchmesse : Die letzte heitere Phase im Leben der Deutschen

  • -Aktualisiert am

Willkommen in der Bücherlounge: Die Leipziger Messe surft durch die Literatur Bild: ddp

Fließbandauftritte unbekannter Autoren, ein prollender Preisträger, Apokalypsen und Aufklärung à la mode: Die Leipziger Buchmesse presste die Literatur ins Fernsehformat. Es fehlte ihr nur ein Thema, das das bunte Treiben hätte zentrieren können.

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          Es rappelt in der Kiste. Die Schriftstellerin Kathrin Passig sitzt in einem umgedrehten Pappkarton und hackt in ihr Laptop. Wie beim Puppentheater ist vorn eine Öffnung; davor stehen zwei Kindergartenstühle, auf denen man ebenso unbequem säße wie drin, aber mit der „Riesenmaschine“, so heißt das Ding, Kontakt aufnehmen darf. Auf ihr lockt ein Schild mit der Aufschrift „Internet - nur hier“. Doch der Einladung folgt keiner. Die Riesenmaschine arbeitet vor sich hin, sie braucht die Messe um sie herum nicht. Neben der Kiste, auf der Leseinsel junger Verlage, finden Buchpräsentationen statt, die wie Performances daherkommen. Oder Kunstaktionen, die eigentlich Lesungen sind? Ein junger Mensch bläst in ein Jagdhorn und singt über Klangschleifen peterlichtartiges Gagadada wie „Die Hebammensprache hat oft ihre Tücken“.

          Nach vier Tagen und Nächten Buchmessenkarussellfahrt kann man schon einmal einen Punkt erreichen, an dem man nicht mehr weiß, ob man noch einer Lesung folgt oder nur von ihr träumt. Mehr und mehr scheinen sich die Messebesucher ringsumher in Comicfiguren zu verwandeln: Für einen Manga-Wettbewerb kostümieren sich am Samstag Tausende wie ihre Lieblingshelden. Die ständigen messetypischen Déjà-vus untergraben auf Dauer das Realitätsprinzip und machen die Birne weich wie ein Messebrötchen: Das kann doch nicht wahr sein, dass da schon wieder der Clemens Meyer auf einem Sofa sitzt. Hat der denn kein Zuhause?

          Anekdoten für eine Buchsaison

          Ach, stimmt, Meyer kommt ja aus Leipzig und wohnt in einem heruntergekommenen Stadtteil, dann ist es vielleicht wirklich schöner hier. Ein surreales Spitzenereignis war auch, als der Vorsitzende der Leipziger Jury dem von ihm selbst gekürten Preisträger ganz ernsthaft die Frage stellte: „Welche Rolle spielen Bücher in Ihrem Leben?“ Meyer ist auch deswegen ein Glücksfall für die Literaturszene, weil er ganz allein so viele schrullige und schreiend komische Anekdoten aus dem Autorenalltag liefert (und in seinem breiten Sächsisch ungefragt auch erzählt), dass es für die ganze Buchsaison reicht.

          „Ick bin all hier”: Preisträger Clemens Meyer ragt aus dem Messekarussell
          „Ick bin all hier”: Preisträger Clemens Meyer ragt aus dem Messekarussell : Bild: ddp

          Wie Meyer bei der Bekanntgabe der Entscheidung die Faust in die Höhe reckte wie nach einem Schwergewichtskampf, sich dann selbst vor Aufregung beim Siegerschluck mit Bier übergoss und jeden in Reichweite umarmte; oder beim anschließenden Talk auf dem blauen Sofa den nach seinem Image fragenden Wolfgang Herles in Halbstarkenmanier anging (“Haben Sie gerade ,Proll' zu mir gesagt?“), und mit entsprechender Handbewegung drohte, hier sei bald nicht nur das Sofa blau - das war schon ganz großes Literaturvolkstheater. Auf perfekte Weise gibt Meyer darin den tumben Tor, den Parzival, der die Rituale des Betriebs offenlegt, indem er sie unbekümmert, laut und lustvoll durchbricht.

          Eine Messe im Fernsehformat

          Aber nicht nur mit Meyer kommt man sich vor wie ins Märchen von Hase und Igel versetzt. Die Inflation der Lesungen im Halbstundenhäppchentakt - der Herkunft nach ein Fernsehformat - führt zu ständigen Verblüffungseffekten der Sorte „Ick bünn all dor“. Praktisch unbekannte Debütanten bringen es locker auf zehn, zwölf Auftritte in drei Tagen. Auch die Achtundsechziger, wie man bekanntlich die geburten- und meinungsstarke Generation von Autoren nennt, die immer wieder über das Jahr 1968 reden müssen, haben die Leipziger Messe zu einem Sit-in auf wechselnden Sitzgelegenheiten gemacht. Die Rappelkiste war einer der wenigen Orte, wo Götz Aly, Rainer Langhans, Peter Schneider und Kameraden nicht gesichtet wurden.

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