Leipzig : Symbol Richard Wagner

Der berühmteste Leipziger? Bach natürlich, aber der wurde hier nicht geboren. Die Komponisten Mendelssohn Bartholdy und Schumann ebenfalls nicht. Goethe, Novalis und Nietzsche studierten hier, kamen aber auch von woanders her. Bleiben Leibniz (aber den versteht kaum jemand) und Richard Wagner. „Richard ist Leipziger“ lautet das Motto des lokalen Richard-Wagner-Vereins, der sich darum bemüht, das Andenken an den Sohn der Stadt in ihr fester zu verankern.
Das Geburtshaus ist 1886 abgebrochen worden, da war der drei Jahre zuvor verstorbene Wagner schon eine Berühmtheit; die Leipziger scherte es damals nicht: Wer geht, ist selbst schuld. Diese Haltung gegenüber dem abtrünnigen Sohn hat sich geändert. Selbst für das Grab seines Geigenlehrers Robert Sipp fühlt sich heute die Stadt zuständig, und der Platz, in dessen Nähe das Geburtshaus stand, wurde schon 1913, zum hundertsten Geburtstag des Komponisten, nach Richard Wagner benannt. Daran hatte sogar die DDR nichts auszusetzen.
Eine alte Geschichtsvergessenheitskultur
Wohl aber nun die Leipziger Grünen. Nicht weil sie etwas an Wagner zu bemängeln hätten (das haben sie zwar sicher, spielt aber offiziell keine Rolle), sondern weil sich dort montags gern Legida versammelt, der lokale Protestverbund nach Dresdner Vorbild von Pegida, der deren umfassenden vom PE verkörperten Anspruch („patriotische Europäer“) ins heimatlich-gemütliche LE („Leipziger“) verwandelt hat. Entsprechend klein ist die Zahl der Protestierenden, sympathischer aber werden ihre Aufzüge dadurch nicht. Auch nicht für die Leipziger Gegendemonstranten, die sich Woche für Woche in mehrfacher Überzahl zusammenfinden. Zur Ablenkung vom trüben Oktoberwetter trieben sie es fröhlich bunt und reckten Schilder in die Höhe mit der Aufforderung, den Legida-Aufmarschort von Richard-Wagner- in Refugees-Welcome-Platz umzubenennen – die gemeinsamen Initialen regten diesen Scherz an.
Den nehmen die Grünen nun leider tierisch ernst: Die Umbenennung sei ein geeignetes Symbol für die gewünschte neue Willkommenskultur. Es wäre eher ein Symbol für eine alte Geschichtsvergessenheitskultur. Den musikalischen Zukunftspropheten Richard Wagner hätte das nicht gejuckt. Aber wenn man mit seinen Nornen die sorgenvolle Frage stellt: „Weißt du, wie das wird?“, dann darf man wohl nicht auf eine verheißungsvolle Zukunft hoffen, in der Symbolpolitik konkrete Politik ersetzen soll.