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Leidige Vorturnerei : Da kommt Rockopara

Mehr Rumpel als „Stilz“: Ian Anderson auf der Bühne Bild: Picture-Alliance

Ein altes Problem: Wie kommt man als Rockstar würdevoll in die späten Jahre? Ian Anderson, der gerade mit seiner Rockoper „Jethro Tull“ tourt, bekommt Abzüge bei der Haltungsnote.

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          In dem Sketch „Beim Sauerbraten“ befindet Gerhard Polt, der Tänzer Nurejew sei in die Jahre gekommen: „Er ist ja schon eine Spitzenkraft, schon ein Könner, aber ich hab den Eindruck, der hupft auch nimmer so hoch wie früher.“ Diese Beobachtung kann man in einer alternden Gesellschaft auch in anderen Künsten machen, zum Beispiel im Bereich der Rockmusik, wo traditionell auch gern gehüpft wird, und weil man im Zweifelsfall als alternder Star die Stimme vom Band kommen lässt, während man sich in Vorturnereien ergeht.

          Zum Repertoire gehört die im Yoga als „Baum“ bekannte Gleichgewichtsübung auf einem Bein. Besondere Berühmtheit erlangte in dieser Disziplin der aus Schottland gebürtige Ian Scott Anderson, besser bekannt als Kopf der Band Jethro Tull, die er vor zwei Jahren und also drei Jahre vor ihrem fünfzigsten Bestandsjubiläum aufgelöst hat. Dieser honorige Musiker hat das Alleinstellungsmerkmal Querflöte in der Rockmusik etabliert und sich damit ein Millionenpublikum erobert. Nebenbei wechselte er als Unternehmer in die Lachszucht und wieder hinaus, wurde für seine musikalischen Leistungen mit zwei Ehrendoktorhüten und mit der Mitgliedschaft im Most Excellent Order of the British Empire belohnt. Nächstes Jahr wird Anderson siebzig.

          Zeigefingrig, langatmig

          Derzeit tourt er durch Deutschland, um seine Rockoper „Jethro Tull“ zu präsentieren, und beim Lokalaugenschein in Frankfurt ging es natürlich auch darum, ob er noch so hoch hüpft wie früher. Tut er nicht – aber er kämpft, er kämpft. Die linke Schuhspitze immerhin noch auf Mitte Schienbein rechts, aber ansonsten ist er im Lager der Grobmotoriker angekommen, kreuzt in gebückter Haltung in Ausfallschritten à la Affentanz über die Bühne.

          Seine „Oper“ ist ein ausgefeiltes Multimedia-Konzert, das unter permanentem Einsatz einer großformatigen Videoleinwand die in die Gegenwart gewendete Geschichte des Agronomen Henry Jethro William Tull erzählt. Der arbeitet heute in Laboren der Universität Oxford und will mit seinen Erfindungen die Welternährung revolutionieren. Aus der Toskana schreibt er Ansichtskarten an seine Frau, die daheim in Crowmarsh Gifford geblieben ist. Dort in Oxfordshire erfand der echte Tull 1701 die Sähmaschine. Und heute? Grünes England, böses Amerika mit Freeways und Mähdrescherballetten bei der Ernte der Monokulturen. So geht das mit einer Pause zwei Stunden bis zur Zugabe hin, zeigefingrig, langatmig. Die Klassiker der Band werden ansatzweise mitverwurstet, viel Sangesarbeit lässt der Bänkelsänger von einsatzfreudigen Lohnarbeitern (Unnur Birna Björnsdóttir, Ryan O’Donnell) erledigen. Soll keine Altersdiskriminierung sein, aber Rockopas neue Rockoper kommt in der Alten Oper leider ohne den dramatischen Kern der richtigen Oper daher. Really don’t mind if you sit this one out.

          Hannes Hintermeier

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Neue Sachbücher“.

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