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Lehren nach dem Anschlag : Ein Urknall in der Republik

Unter Charlies Augen: Internationale Solidarität für die Freiheit und gegen Fanatismus am Sonntag in Paris Bild: Reuters

Fünf Tage, die Frankreich verändern: Seit den Mordanschlägen der letzten Woche liegt über dem Land eine Schockstarre. Mit den Franzosen demonstriert in Paris die Welt für die Ideale der Aufklärung.

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          An Silvester feierten ein paar Jugendliche des Front National wie der konservativen Partei UMP den Übergang ins neue Jahr; zwei oder drei Linke und Grüne sollen auch dabei gewesen sein. Als es bereits Mitternacht geschlagen hatte, kam Florian Philippot auf einen Sprung vorbei. Philippot, der die ENA im Jahrgang „Willy Brandt“ (2007) absolviert hatte, ist der bislang höchste Vertreter der staatlichen Elite, der sich dem Front National angeschlossen hat. Er ist einer seiner Vizepräsidenten und in den Medien fast so häufig zu sehen wie Marine Le Pen. Kurz vor Weihnachten wurde er von „Closer“ als Homosexueller geoutet und die publizistische Schweinerei mit dem Argument verbrämt, dass Philippot gegen die „Ehe für alle“ sei.

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

          Von der Silvesterparty wurden Selfies verschickt, auf Twitter bedankte sich die Gastgeberin bei „Floflo“ für seinen Besuch. So kam ein Nachrichtenmagazin der Gaudi auf die Spur, und diese wurde zum Skandal. „Wir haben die Republik erschüttert“, spottete einer der Teilnehmer. UMP-Verantwortliche sprachen sich für „exemplarische Sanktionen“ aus. Der Generalsekretär der Sozialistischen Partei nahm sich der Affäre an und forderte Alain Juppé und Nicolas Sarkozy zum Handeln auf.

          Keine andere Anekdote könnte das hysterische Klima, in dem Frankreich den Jahreswechsel beging, besser wiedergeben. Zu irgendwelchen Strafaktionen wird es nicht mehr kommen. Die Schüsse in der Redaktion von „Charlie Hebdo“ haben Frankreich aus seiner Frivolität befreit und in einen Schockzustand versetzt. Noch am Tag danach blieb unfassbar, was geschehen war. Sie haben auf Wolinski, Charb, Cabu geschossen. Tot sollen sie sein? Unvorstellbar! Umgehend aber setzte sich das Bewusstsein durch, dass es weitergehen muss. Wir sind Charlie. Der Publizist Jean-François Kahn zitierte das „Lied der Partisanen“ aus dem Widerstand gegen die deutschen Besatzer im Krieg: „Freund, wenn du fällst, ein Freund tritt aus dem Schatten und an deine Stelle.“ Die überlebenden Redakteure sind zu „Libération“ umgezogen. „Charlie Hebdo“ wird nicht sterben.

          Frankreich findet sich als Schicksalsgemeinschaft

          Am Freitag ging der Albtraum von neuem los. Bis zum Feierabend dauerten die epischen Übertragungen im Fernsehen. Stundenlang wurde mit immer gleichen Bildern - Helikopter in der Luft, aber meistens am Boden, Polizisten am Kreisel, abgedunkelte Häuser - die unheimliche Langeweile auf Höchstspannung inszeniert. Dem Nachrichtensender BFM gelang es, mit einem der Kouachis zu telefonieren - er nahm den Anruf in die Druckerei an. Aber das erfuhr man erst nach dem großen Knall um fünf. Die endlose Fernsehinszenierung im Regen und ohne Action, während deren die Kommentatoren nichts zu sagen hatten und sich ständig wiederholten, machte es möglich, langsam, ganz langsam zu begreifen, was passiert. Das Epos eines Bürgerkriegs zog am Zuschauer vorüber, aber er wusste, dass ihn - noch einmal - die Polizei gewinnen würde. Und dass es binnen Kürze weitere Tote geben würde - ein anderer Ausgang war nicht möglich.

          Hunderttausende gedachten am Samstag in ganz Frankreich der Opfer, rund eine Million waren es am Sonntag beim Marsch der Republik. Präsident Hollande hatte sich nach dem „französischen 11. September“ auf die Nation berufen. Frankreich findet sich als Schicksalsgemeinschaft und hat einen Feind.

          Die Welt ist Charlie : Millionen beim Gedenkmarsch gegen Terror

          Unregierbar war das Land gewesen, als in den Wirren des Algerien-Kriegs die Fünfte Republik mit de Gaulles Rückkehr an die Macht begründet wurde. Er führte Frankreich auf seinen Dritten Weg zwischen den Blöcken. Das neue Regime - eine Wahlmonarchie - sorgte für politische Stabilität und überlebte auch den Aufstand des Mai 68. „Wir sind alle deutsche Juden“, riefen die Studenten, die gegen die Ausweisung von Daniel Cohn-Bendit protestierten. Auch in „Wir sind Charlie“ ertönt das Echo dieses Slogans.

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