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Wo Flüchtlinge wohnen : Neues Deutschland

Keine Szene aus einem Film von David Lynch, sondern Manheim im Januar 2016 Bild: Valerie Sadoun

Manheim bei Köln ist eine Geisterstadt. Der Ort soll dem Tagebau weichen, die Häuser werden bald abgerissen. Aber bis dahin ziehen dort mindestens 400 Flüchtlinge ein. Ist das verrückt – oder eine Chance fürs Land?

          Eine halbe Stunde lang war niemand zu sehen. Man sah: leere Straßen, verlassene Läden, erfroren aussehende Tannen, Jägerzäune, Häuser mit heruntergelassenen Jalousien, die aussahen, als wären sie gestorben. In einem Garten quietschten die Flügel einer Dekorationswindmühle unentschlossen im Wind, an der Bushaltestelle hing ein Plakat mit dem Gesicht von Dieter Bohlen, darüber stand „Willkommen zuhause“, eine Werbung für RTL. Es war aber keiner zu Hause, und Dieter Bohlens eingefrorenes Lachen sah aus wie eine stumme Drohung.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          Schließlich tauchte vor einem der Häuser doch noch jemand auf. Es war Hussein Balo, 53 Jahre alt, geboren im Nordirak, Besitzer einer Hühnerzuchtfarm in der Nähe von Mossul. Er hielt einen Spielzeugtraktor in der Hand, den jemand seinen Kindern geschenkt hatte, einen solchen Traktor, sagte er, hatte er auch, bis der IS ihn zerstörte. Der IS erschoss 37 Menschen, die zu seiner Familie gehörten. Balo floh im letzten Moment mit seinen Kindern und Enkeln.

          Er zeigte uns auf seinem Mobiltelefon einen Film. Man sah dreißig Menschen auf einem Schlauchboot: blaues Wasser, Schaumkronen, weiße Gischt im Gegenlicht, es sah aus wie die Filme, die einem Leute statt Dias zeigen, wenn sie aus den Ferien zurückkommen – nur dass dieser Film die Flucht über das Mittelmeer zeigte: Dreißig Menschen in einem Schlauchboot, die großen Kinder liegen auf den Kleinen, damit die im Seegang nicht über Bord gehen und ertrinken.

          Sie waren mit drei Autos geflohen, erst nach Bagdad, dann in die Türkei, dann übers Meer nach Athen, jetzt leben sie – Vater, Mutter, sieben Söhne, fünf Schwestern, ihre Männer und Kinder – in einem deutschen Mehrfamilienhaus in einem eigentlich schon aufgegebenen Ort, einem Dorf, das aussieht, als sei Deutschland von seinen bisherigen Bewohnern verlassen worden.

          Im größten Loch Europas

          Dies hier ist Manheim; nicht Mannheim, sondern Manheim bei Kerpen, nicht weit entfernt von Köln, ein Dorf in einer kahlen, flachen Tagebaulandschaft. Der Ort ist mehr als 1100 Jahre alt, er wird zum ersten Mal im Jahr 898 in einer Schenkungsurkunde des Königs Zwentibold erwähnt, es gibt Bauernhöfe und eine neogotische Kirche und rotbraune Häuser, in deren Steinen sich der Ruß festgesetzt hat.

          Hier wohnten einmal mehr als 1700 Menschen, aber der Tagebau kam immer näher, man wusste schon lange, dass Manheim vom größten Loch Europas verschluckt werden würde, dem Tagebau Hambach, der einmal eine Abbaufläche von 8500 Hektar haben wird. Auch die Kartbahn Erftlandring, auf der Michael Schumacher fahren lernte, wird abgebaggert, wie das hier heißt.

          Die RWE Power AG hat auch in Manheim die Häuser gekauft, in ein paar Jahren kommt die „bergbauliche Inanspruchnahme“, der Abriss. 2012 begann die Umsiedlung. Viele nahmen die Entschädigungsgelder der RWE, bauten sich im acht Kilometer entfernten Manheim-Neu ein neues Haus und fuhren nur manchmal zurück und sahen, wie ihre alten Bungalows vermoosten. Alt-Manheim wurde zum Geisterdorf. Bis die neuen Bewohner kamen.

          Der Tagebau hat die Landschaft geprägt

          Denn seit September 2014 werden in den aufgegebenen Häusern Flüchtlinge einquartiert. In Kerpen war der Platz knapp, die RWE überließ dem Kreis die leeren Häuser von Manheim – „und wo wir Raumtopographien finden, die geeignet sind, sagen wir vielen Dank“, sagt die Kerpener Integrationsbeauftragte Annette Seiche. Man habe erst mal siebzig Personen untergebracht, in Absprache mit dem Bürgerbeirat, demnächst werden es 400 Flüchtlinge sein.

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