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Wo Flüchtlinge wohnen : Neues Deutschland

Die Arbeitsministerin Nahles warnt dagegen vor zu viel Optimismus, wobei man nicht mehr das Gefühl hat, dass zu viel Optimismus das Problem der aktuellen Diskussion sein könnte.

Auftritt Polizei. Die Polizei rollt im brandneuen Dreier-BMW heran. Frage, aus heruntergelassenem Fenster: Was fotografieren Sie da, wer sind Sie? Offenbar wird die Antwort als befriedigend eingestuft, es kommt jetzt zu entspanntem Geplauder. Wir patrouillieren öfter hier, im Netz gibt es Unmutsbekundungen, da passen wir ein bisschen auf, sagen die Polizisten. Dass die Bekundungen das Netz nicht mal Richtung physische Realität verlassen.

Dass die sogenannte Integration so weit ganz gut funktioniert, liegt vor allem auch an den Bürgern, die sich kümmern. An dem Mosaikkünstler Michael Müller, der eigentlich aus Leipzig kommt und mit den Flüchtlingen zum Großmarkt einkaufen fährt und Behördengänge macht und Möbel besorgt.

An Margarethe Held-Gbane, die allein und mit eisernen Nerven und großer Hingabe das Jugendzentrum betreibt: eine Frau, allein mit schulklassenstarken Gruppen von Kindern und jungen Männern. An Wolfgang Esser, Mitglied des Umsiedlungsbeirats, der eine neunzig Meter lange Vereinshalle für den neuen Ort plant, damit es dort überhaupt so etwas wie ein soziales Zentrum gibt und einen Platz, wo man den Maibaum aufstellen kann.

Die selbstverständlichen Helfer

Esser trainierte die Fußballjugend von Manheim. Als der erste Flüchtlingsjunge auftauchte, schenkte er ihm die Sportschuhe seines Sohns und trainierte auch ihn. Und als nach dem Beginn der Umsiedlung die Manheimer gingen und die Flüchtlinge kamen, fuhr er die übriggebliebenen Möbel mit seinem Fiat Kombi von einem Haus zum anderen und organisierte alles, was gebraucht wurde.

Esser war Berufssoldat, Kommandant auf dem Marder und schließlich Kompaniefeldwebel, er hat eine Idee davon, wie man das Dorf und das Land und die Leute im Krisenfall zusammenhält. Wenn man die Häuser der Flüchtlinge betritt, holen die Jungs dort ihre Mobiltelefone und zeigen Bilder: ein Haus mit roten Ornamenten und Flachdach in einer Steinwüste, das Haus, in dem sie wohnten, bevor der IS kam.

Der Pick-up der Eltern. Bilder von der Grenze. Fotos von griechischen Grenzbeamten. Ein kleines Mädchen hält ein Handy hoch, man sieht das Bild eines lachenden jungen Mannes. Das ist ihr Bruder, sagt einer. Wir wissen nicht, was mit ihm passiert ist.

Dann wird es Abend. In der Berrendorfer Straße fährt ein Mann sein Auto in die Garage. In einem Haus in der Forsthausstraße sitzt ein Flüchtling am Fenster, der nicht weiß, wo seine drei Kinder sind. Er spricht mit niemandem. Im Klinkerhaus am Ortsrand, in dem früher eine deutsche Familie Bundesliga schaute, schlafen zwischen alten Teddys, die ihnen die Leute aus Buir geschenkt haben, syrische Kinder, die jetzt tote Kinder wären, wenn ihre Eltern nicht mit ihnen geflohen wären.

In den Nachrichten wird gemeldet, CDU und SPD planten, den Familiennachzug für Syrer zu begrenzen. Julia Klöckner verteidigt ihren A2 genannten Plan. Horst Seehofer sagt, A2 sei eigentlich B. Alexander Dobrindt sagt auch irgendetwas, sein Sakko sieht aus wie eine Bildstörung. Die Laternen gehen an. In der Ferne graben Bagger das Land ab.

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