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Wo Flüchtlinge wohnen : Neues Deutschland

Es wird ja viel diskutiert über die Unterbringung von Flüchtlingen auf dem Land, die einen sagen, nur so könne man Gettobildung in den ohnehin überfüllten Städten vermeiden; andere sagen, dass diese Gettos, in denen man Flüchtlinge aus dem eigenen Land trifft, der beste Eingang in die neue Welt sei und die besten Arbeits- und Integrationsmöglichkeiten biete, wogegen die Menschen auf dem Land, wo es keine Arbeit gibt, wirklich gettoisiert werden.

Leerstände zu Wohnraum!

Aber wenn man ihnen verlassene Höfe, leere Werkstätten, Arbeit gäbe? In Bayern wird das schon gemacht, Gemeinden werden unterstützt, Leerstände in ihrem Besitz als Wohnraum herzurichten. „Im Idealfall profitieren alle Seiten, sagt Thomas Mühlender von der Obersten Baubehörde in München.

„Die Gemeinde, die mit der Miete, selbst wenn sie niedrig ist, immer noch mehr einnimmt als beim Leerstand, die Flüchtlingsfamilie, die nach dem Bleiberecht nun auch ein neues Zuhause erhält, und der Handwerker oder Gastwirt im Ort, der nun jemanden einstellen oder zur Fachkraft ausbilden kann.“

Dreißig Iraker in einem Mehrfamilienhaus mit handgestrichenem Backstein, 26 Syrer hinter der braunen Tür eines Gelbklinkerbaus aus den siebziger Jahren, der Somalier Samatar mit seiner Frau und seinen Söhnen in einem urdeutschen Backsteinhaus im Zentrum des Dorfs: Für Optimisten ist dies das Bild einer bunten Wiederbelebung, eines lebendigeren, neuen Deutschlands: Was, wenn die Iraker die alte Bäckerei von Achim Füchtener wieder aufmachen könnten, der syrische Arzt die Praxis – jetzt, wo zu den alten Manheimern rund 400 Flüchtlinge dazukommen, für die sich ein Bäckerladen lohnen würde?

Hätten dann nicht alle – hier bis zum Abriss, anderswo dauerhaft – ein Dorf, wie es einmal war und sein sollte, und hätten dann nicht alle etwas von den Flüchtlingen? Würde dieser kleine Arbeitsmarkt nicht das Kennenlernen fördern, die Jugendlichen von der Straße holen, die kaputten, verlassenen Dörfer wiederbeleben und so den Druck von den Städten nehmen? Und wäre das nicht die eigentliche futuristische Chance der Neubesiedlung des Landes: dort massiv den Bestand verdichten, Arbeit schaffen, Schnellbahnen in die immer teurer und musealer werdenden Städte bauen?

Freilichtmuseum auf Zeit - in Manheim erinnert vieles an bundesrepublikanische Lebensformen

Ist natürlich nicht so einfach. Frau Seiche spricht von einem engen normativen Korsett. Und das ist die zentrale Erkenntnis, wenn man ein paar Tage in einem Dorf wie Manheim verbringt: Die Hilfe der Bevölkerung ist umwerfend. Die Unterbringung ist nicht das Problem.

Zu dreißigst in einem Haus

Mangelnder Integrationswille ist, nach allem, was man sieht, nicht das Problem – Hussein Balo zum Beispiel ist, ganz im Gegenteil, ein Mensch, der die klassischen Werte des bürgerlichen Deutschen besser verkörpert als viele Deutsche und seinen Kindern und Enkeln nahebringt: pünktlich sein. Guten Tag sagen. Fleißig, höflich sein. Mit solchen Neubürgern bekommt man keine Probleme – es sei denn, man lässt sie monatelang ohne Aussicht auf Arbeit zu dreißigst in einem Haus wohnen.

Was neben allen Bildungsanstrengungen passieren muss, ist eine Veränderung der Gesetze und Verordnungen, die einen sekundären Arbeitsmarkt ermöglichen, mikroökonomische Strukturen, die Gettobildung und Massenarbeitslosigkeit unter Migranten verhindern – also genau das, was in den letzten Jahrzehnten misslang. Ein Beschäftigungsprogramm. Ein zweiter Arbeitsmarkt. Eine Sondererlaubnis, kleine Läden für den Bedarf der Gruppe aufzumachen.

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