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Wo Flüchtlinge wohnen : Neues Deutschland

Hussein Balo ist mit seiner Familie vor dem IS aus dem Nordirak geflohen, jetzt wohnt er in Manheim.

Es wird über das Problem der Maghreb-Banden gesprochen, die eine Polizei nicht ernst nehmen, die Delinquenten nach ein paar Stunden wieder laufen lässt. Es kommt die Frage auf, wie man sich mit rechtsstaatlichen Mitteln Respekt verschafft. Es herrscht Einigkeit, dass mehr Polizei gebraucht wird; wo Regeln, die Freiheit erlauben, missachtet werden, gibt es keine Freiheit, siehe Domplatte, da ist man sich hier, in der Schule, die hinter der Kreuzung von Germania- und Esperantostraße liegt, einig.

Museum einer untergehenden Lebensform

Germania und Esperanto: zwei Welten laufen da ineinander, genau wie in diesem Ort, an dem der Wille zur Offenheit und die Selbstsicht als weltoffenes, wohlhabend souveränes Wir-schaffen-das-Land auf Irritationen und Angst trifft.

Manheim ist auch das Museum einer untergehenden Lebensform. Seit den fünfziger Jahren wurde aus dem Bauerndorf eine Pendlerstadt. Am Ortsrand wurden Bungalows und Einfamilienhäuser gebaut, die neuen Bewohner arbeiteten im nahen Tagebau oder bei Ford in Köln und pendelten morgens zur Arbeit.

„Für junge Familien war das hier attraktiv“, sagt Wolfgang Esser, der sich um die Flüchtlinge kümmert. „Günstige Mieten, Kindergarten, Grundschule, Hallenbad, zwei Rasenplätze, Autobahnanschluss, das ist eine Bombeninfrastruktur für so einen kleinen Ort.“

Die Häuser von Manheim sind, auf ihre Weise, gebaute Bilder aus den glücklichen Tagen der prosperierenden Bundesrepublik, in der Ford-Arbeiter einen Taunus mit braunen Velourssitzen fuhren und Geld für eine Hollywoodschaukel und Urlaub auf Mallorca da war und der westdeutsche Wohlfahrtsstaat rührend für die Massen sorgte. Das Gemeindehaus, in dem 1995 Michael Schumacher heiratete, die Schule, das öffentliche Schwimmbad – alle Gebäude weisen Spurenelemente früher bundesrepublikanischer Eleganz auf, es sind Bauten für die vollbeschäftigte nivellierte Mittelstandsgesellschaft, in der es jeder zu etwas bringen kann.

Man kann die Bungalows beklemmend und spießig finden, aber ihre architektonischen Details sind, im Gegensatz zum dominierenden Billig-Baumarktschrott der aktuellen Neubauviertel, liebevoll gemacht. Ein Schmied hat ein Tor entworfen, dessen Stäbe die Strahlen einer asymmetrischen Sonne darstellen, einige Türen sehen aus, als käme gleich Don Draper auf ein Kölsch herein.

Das Ende der Wohlstandszersiedlung

In Zukunft wird man sich diese Form bundesrepublikanischer Wohlstandszersiedlung ökologisch und auch ökonomisch nicht mehr leisten können. Schon heute können sich nicht alle von dem Geld, das sie von der RWE für ihre alten Häuser bekommen, ein Haus in Manheim-Neu bauen. Einige versuchen es trotzdem, entsprechend simpel und kahl sehen einige Häuser dort aus.

Alt-Manheim verwuchert dafür umso mehr. In den Vorgärten stehen verschieden hohe Tannen, die einmal Weihnachtsbäume waren, die Weihnachtsbäume der Jahre 1973 bis 1987. Hinter den Tannen schaut ein freundlicher Syrer hervor; er lebt jetzt mit 26 Familienmitgliedern in einem deutschen Reihenhaus. Die Iraker hinter dem Marktplatz sind zu dreißigst. „Die holen sich immer ein ganzes Schaf im Türkenladen“, sagt der Pate.

In gewisser Weise ist die Verwandlung des leeren Ortes Manheim in ein belebtes Flüchtlingsdorf auch ein Modellfall und ein Testfall für den Umgang mit Dörfern, die nicht abgerissen werden sollen, sondern sich aus anderen Gründen entvölkern.

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