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Wo Flüchtlinge wohnen : Neues Deutschland

Neubauten wie im Containerdorf

Die Situation ist jetzt ein bisschen seltsam: Viele alteingesessene Manheimer sitzen in Manheim-Neu in Neubauten, die so weiß und nackt sind wie ein schnell hochgezogenes Containerdorf: frischer, malagafarbener Dämmputz, weiße Plastiksprossenfenster, alles sieht aus wie mit Domestos poliert.

Die Flüchtlinge sitzen dafür in uralten deutschen Bauernhäusern und Kleinfamilienbungalows der sechziger Jahre, es sieht aus wie eine letzte Scheinblüte des großen bundesrepublikanischen Traums: Eine Familie mit sechs Kindern in einem Bungalow, dreißig Leute auf dem Hof – so krachend voller Leben waren deutsche Dörfer zuletzt vor der Industrialisierung.

Es wurde für die Flüchtlinge ein Patenkreis gebildet. Die Paten kommen aus den Nachbarorten Blatzheim und Buir und aus Kerpen, sie bringen Matratzen, Decken und Kleidung, viele sind Rentner, sie schleppen, dass man Angst bekommt, sie kriegen einen Herzinfarkt.

Nicht alle freuen sich über die Wiederbelebung des fast schon toten Ortes. Wir treffen auf einen freundlichen jungen Mann mit einem weniger freundlich aussehenden Hund. Der Mann ist in Manheim aufgewachsen, sein Vater war bei Ford in Köln, vor der Tür parkt ein Ford Focus Kombi. Sie werden, wenn sie aus dem Haus rausmüssen, zwar in Manheim-Neu bauen, das Haus dort aber vermieten. Vielleicht ziehen sie nach Bergisch-Gladbach, sagt seine Frau und lächelt; da ist es schön.

Und wie ist es hier? – Na ja, sagt der Mann und deutet auf den Transporter eines Elektrikers. Erst kommt der Elektriker, dann der Klempner und dann die Flüchtlinge. – Und wie geht es mit den Flüchtlingen? Na ja, sagt der Mann noch mal. Das ist eine andere Kultur. Das passt hier nicht so hin. Das ist meine Meinung. – Was ist denn passiert? – Die Kinder rennen zum Beispiel gegen das Auto, die lehnen da dran, die laufen einfach dagegen, das ist bei denen so. Die akzeptieren nicht, dass das Privateigentum ist. Früher, sagt er dann, kannte hier jeder jeden, die Garage war immer offen, wir haben nie abgeschlossen. Dann waren plötzlich seine Winterreifen weg, geklaut. – Von Flüchtlingen? Wozu brauchen denn die Winterreifen? Klar, man weiß nicht, wer es war. Jedenfalls sind die Flüchtlinge da und die Reifen weg. Am Kinderwagen wartet der Kampfhund. Er ist zwei Jahre alt, ein verspieltes, neugieriges Tier, wie Hundefreunde sagen würden.

Die Bagger fressen das Land auf

Spätabends leuchtet, am Ende der Straße, die aus dem Ort herausführt, der Himmel. Dort ist der Tagebau. Die Bagger stehen wie grasende Dinosaurier im Sand. Sie bewegen sich langsam vorwärts. Sie fressen das Land auf. Es gilt hier, in diesem größten Loch Europas, ein anderer Maßstab, der Maßstab des nationalen, des weltweiten Energiebedarfs.

Es ist nicht der Maßstab des Einfamilienhauses, sondern der der globalen Umwälzung. Die Flüchtlinge kommen manchmal und schauen sich das Loch an. Es erinnert sie, sagt einer von ihnen, an die Wüste im Irak, Weite, Leere, Sand.

In der Schule treffen sich die Sprachlehrer Halil Shahini und Thomas Kiwel, die hier Deutschkurse geben, mit Frau Seiche. Wer sind die Flüchtlinge, die in die Kurse kommen? „Fünfzig Prozent sind Familien, die anderen Alleinreisende“, sagt Frau Seiche. Besonders vor den sogenannten Alleinreisenden haben die Leute Angst. Das böse Wort Domplatte fällt. Die Übergriffe seien ja, wie man nun wisse, auch „aus der Gruppe der noch nicht so lange Aufhältigen“ verübt worden.

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