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Kritik an Houellebecq : Die Rechte der Hunde

Enfant terrible: Michel Houellebecq sieht sich mit dem Vorwurf fehlender Menschlichkeit konfrontiert Bild: AFP

Die französischen Schriftsteller stehen nach den Anschlägen von Paris voll hinter ihrer Nation. Für Michel Houellebecq und dessen Roman „Unterwerfung“ gibt es allerdings heftigen Gegenwind.

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          Auch der Literaturnobelpreisträger Patrick Modiano, der die Massen und die Medien scheut, ging am Sonntag auf die Straße und nahm am Abend an der Sendung aller öffentlich-rechtlicher Programme teil: „Ich marschiere für die Opfer, die für uns gefallen und Helden geworden sind. Damit sie auf immer und ewig das Symbol des verwundeten, aber geeinten, mutigen, freien Frankreichs bleiben, das wir lieben“, schwärmte der Dichter, dem große Worte und emphatische Deklarationen fremd sind: „Diesem Frankreich anzugehören, darauf sind wir stolz.“

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

          „Wunderbar war es, wie wir zu Millionen durch Paris gingen zum Schutz der Republik“, berichtet Georges-Arthur Goldschmidt. Jean-Marie Lé Clézio, der 2008 den Nobelpreis bekommen hat, wäre auch gerne dabei gewesen. „Allerdings, und um ehrlich zu sein, fühle ich mich ein bisschen alt, um mich unter eine solche Menschenmasse zu mischen.“ Er befindet sich am anderen Ende der Welt, die von überall auf Paris blickt. Begeistert hatte ihm die Tochter von der Demonstration berichtet, von der Aufrichtigkeit der Marschierenden, unter denen sich viele Junge befanden, und von ihrer Entschlossenheit zur Verteidigung ihrer Werte und Ideale.

          „Deine Eltern haben gezittert, die Angst vor einem neuerlichen Attentat war keineswegs unbegründet“, schreibt Le Clézio in einem Brief an seine Tochter, den „Le Monde“ veröffentlichte: „Aber du hattest recht, der Gefahr nicht aus dem Weg zu gehen.“ Als einen historischen Moment, fast ein Wunder, empfindet Le Clézio aus der Ferne den Sonntag in Paris: „Und du bist dabei gewesen.“

          „Die Gettos müssen zerschlagen, die Türen geöffnet werden.“

          „Keine Barbaren“ seien die Attentäter, deren „Barbarei“ die Welt entsetzt hat, gewesen, schreibt Le Clézio seiner Tochter: „Drei Mörder, geboren und aufgewachsen in Frankreich. Man kann ihnen überall und jederzeit begegnen. In der Schule, in der Métro.“ An der Generation seiner Tochter sei es, aus dem Solidaritätsmarsch eine bessere Welt zu begründen: „Die Gettos müssen zerschlagen, die Türen geöffnet werden. Jeder Bewohner dieses Landes muss seine Chance bekommen, seine Stimme muss gehört werden. Wir müssen aufhören, eine Fremdheit im Inneren der Nation zu konstruieren.“

          Le Clézios politischer Standpunkt wird ihm den Vorwurf der Naivität und des Glaubens an das Gute im Menschen eintragen: Er ist in seiner Literatur des Dialogs mit dem Fremden begründet. Dass die nationale Einmütigkeit keine ausschließende sein kann, sondern integrieren soll, spürt auch Alain Finkielkraut – und er reißt tatsächlich Grenzen ein: „Man kann Marine Le Pen nicht mehr mit dem faschistischen Dichter Charles Maurras und Pétain gleichsetzen. Sie ist wie Putin, und das reicht, um sie zu bekämpfen. Aber man schwächt sie nicht, indem man sie von einer Demonstration der nationalen Einheit ausschließt.“

          Die Einmütigkeit wird bröckeln. Aber die Demonstrationen einer nationalen Auferstehung gegen den Terrorismus, wie man sie sich in dieser Intensität in anderen europäischen Ländern nur schwer vorstellen kann, bleiben eine eindrückliche Kundgebung mit langfristigen Folgen. Sie sind eine Antwort auf die französische Identitätskrise, zu der Alain Finkielkraut den erschütternden Essay „Identité malheureuse“ beisteuerte. Das Thema des Niedergangs ist seit Jahren ein Dauerbrenner. Eric Zemmours „Der französische Selbstmord“ und Michel Houellebecqs „Unterwerfung“ erreichen Auflagen von mehreren hunderttausend Exemplaren.

          Keine Menschlichkeit bei Houellebecq?

          Ende Dezember sollte Christine Angot den neuen Roman des Kollegen rezensieren. Doch sie weigerte sich: „Ich wollte mich nicht mehr mit ihm befassen.“ Nach den Attentaten hat sie es sich anders überlegt. Die positiven und die negativen Kritiken stimmten in einem Punkt überein: „Houellebecq ist ein großer Schriftsteller. Aber ein großer Schriftsteller begnügt sich nicht mit dem Symptom.“

          „Für den Erzähler der ‚Unterwerfung‘ liegt die Literatur, die hohe Kunst des Abendlandes, im Sterben“, schreibt Angot. Eine Begründung liefere Houellebecq nicht. Auch bezüglich des Islams irre er sich: „Es gibt keine Rückkehr des Religiösen. Ganz im Gegenteil. Es ist sein Ende. Und genau deshalb wollen sie uns töten. Nein, die Frauen werden nicht an den Herd zurückkehren. Und deshalb schreibt er über die ‚Scheidentrockenheit‘.“ Es gibt, befindet Christine Angot, bei Houellebecq keine Menschlichkeit: „Die Menschenrechte könnten genauso gut die Rechte der Hunde sein.“ Und die Attentate auf „Charlie Hebdo“ und die Juden seien „ein andere Art, Menschen die Anerkennung ihrer Humanität zu verweigern“.

          „Die Literatur wird nicht sterben“, prophezeit Christine Angot gegen Michel Houellebecq, und sie ist damit weitgehend im Einklang mit Le Clézio: „Denn sie ist der Ort der Menschlichkeit und der Nichtunterwerfung. Genau darum geht es in einem Roman: Um das – gegenseitige – Gefühl, dass jemand, mit dem man nichts zu tun hat, ein menschlicher Bruder ist.“

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