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Lech Walesa : Träumer, Egomane und Prophet

Egomane und Prophet: Walesa in seinem Büro Bild: AP

Vor fünfundzwanzig Jahren hat Lech Walesa mit einem Streik in der Danziger Leninwerft die Welt verändert. Heute ist er Rentner und vielen Polen peinlich. Zu Besuch bei einem eigenwilligen Helden.

          Wir waren darauf vorbereitet, wie Lech Walesa uns empfangen würde. „Wenn ihr eintretet“, hatte man uns gesagt, „wird er keine Notiz von euch nehmen. Er wird seinen Computer anblicken. Er wird etwas tippen. Seine Werftarbeiter-Zeigefinger werden auf die Tastatur sausen wie Spitzhacken, bis ihr wißt, daß ihr Luft seid. Dann erst wird er euch begrüßen.“

          Konrad Schuller

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Es ist so gekommen, und auch wieder nicht. Als wir ihn zum fünfundzwanzigsten Jubiläum der Gewerkschaft „Solidarität“ besuchten, als wir in dem herrlichen Danziger Renaissancegebäude, wo die Lech-Walesa-Stiftung sitzt, zwischen zwei Papst-Fotografien hindurch seinen Arbeitssaal betraten, saß Walesa zwar, wie angekündigt, starrend am Bildschirm, und, wie angekündigt, hackten seine Finger die Tasten, während zugleich ein ungewöhnlich lauter Fernseher vom Weltgeschehen kündete. Danach aber wich er vom Libretto ab. Er begrüßte seine Gäste nicht, sondern schoß unvermittelt hoch und stürzte mit den Worten „Sind die Herren bereit?!“ auf das Kaffeetischchen zu, an dem wir respektvoll warteten. „Keine Formalitäten bitte - bitte die erste Frage und bitte nur schwere Fragen!“

          Eine Sekunde später saß er mit geradem Rücken, gestrecktem Kinn und in höchster Konzentration geschlossenen Augen in seinem Armsessel an der Schmalseite des Tisches, sog Luft durch die Nase und harrte der erbetenen schweren Frage.

          Von seiner Mission überzeugt bis zur Manie

          Gepanzerter Redefluß

          Der Präsident, wie seine Sekretärin, eine akkurat wirkende ältere Dame, sowie sein etwas gelangweilt blickender Leibwächter ihn nennen, hat an diesem Vormittag viele Dinge gesagt, die allen Beifall wert waren. Er sprach hinreichend klar, wenn auch in einem gleichsam gepanzerten, jede Zwischenfrage abwehrenden Redefluß, vom jenem Marshall-Plan, den er vergeblich vom Westen erhofft hatte, als er 1980 die „Solidarität“ gegen die kommunistische Partei führte. Er verlangte die Einheit der Völker im Zeitalter der Globalisierung, und setzte Hoffnung in die Europäische Union. Er sann nach über Demokratie und Führertum in Zeiten des Existenzkampfs sowie über Glauben, Gebet und Versöhnung. Ab und zu brachte die akkurate Dame mächtige Stapel geöffneter Bücher herein, damit der Chef sie signiere.

          Dennoch hat das Tonband an jenem Kaffetischchen nicht nur Alltägliches registriert. Walesa sprach nämlich nicht durchgängig in jenem gezirkelten, kalkuliert gewogenen Sinne, in welchem Politiker gewöhnlich sprechen. Immer wieder geschah es, daß gewisse andere, exotisch fremdartige Töne sich seinem ununterbrechbaren Vortrag beimengten, ganz so, als überschnitten sich im Äther zwei Frequenzen. Das waren die Augenblicke, in denen Walesa juxte oder schwor oder kündete.

          Von Kostüm zu Köstüm

          Daß er sich immer wieder in dritter Person „Walesa“ nannte, als zitiere er bereits aus kommenden Geschichtsbüchern, sei nur nebenbei bemerkt. Auffälliger waren die Rollenspiele. Im Vortrag an der Schmalseite seines Tischchens ist Walesa von Kostüm zu Kostüm geschlüpft. „Wenn ich Gorbatschow gewesen wäre“, „Wenn ich wieder Präsident werde“, so begannen seine Sätze. Er hatte in jäher Geste die Hand zum Eid gehoben, als er schwor, weder der CIA noch der KGB oder der Mossad, sondern „ich allein“ hätten die „Solidarität“ geführt; er hat in dramatischen Worten eine Weltregierung samt Weltparlament gefordert und in raunend-prophetischen von kommenden Epochenwenden gesprochen, vom „Zeitalter der Erde“, das nun zu Ende gehe, und dem Beginn jener Ära, in welcher der Mensch dem Menschen nicht mehr Wolf sei, weil die Vereinigten Staaten von Europa unter der Führung wohlmeinender Computer Produktion und Verteilung von „Weizen, Bananen, Öl und Kartoffeln“ lenkten.

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