https://www.faz.net/-gqz-6vn8m

Le Clézio in Paris : Kunst oder Handwerk, das ist hier die Frage

  • -Aktualisiert am

Eine ganze Wand der modernen Malerei Haitis

Für ihn sind sie Institutionen, dem Zufall der Zeitläufte genauso ausgeliefert wie die gesamte Welt. Ganz im Sinne eines André Malraux möchte er, dass alle möglichen Objekte in ihnen ausgestellt werden - und nicht nur jene, denen der Kunstmarkt einen besonderen Wert zugesteht. Das hat auch nichts mit übertriebenem Gutmenschentum oder einem Le Clézio’schen Faible für Exotismus zu tun, mit jenen Attributen also, mit denen man den Autor zuweilen in Verruf zu bringen suchte. Es zeigen sich hier vielmehr seine vorurteilsfreie Neugier und die grundsätzliche Zugeneigtheit, mit der er die Welt stets bereist hat und ihren Menschen begegnet ist. Daher rührt auch seine Empfehlung, sich den Museen, die Werke in chronologisch-ordnender Manier versammeln, nicht mit allzu großem Respekt, sondern besser mit spielerischen Absichten zu nähern.

Wächter: Figur von den Osterinseln

Diesem Rat folgt er selbst. Wie es für die Gastkuratoren des Louvre Sitte ist, hat sich Le Clézio in den überreichen Beständen des Hauses umgesehen, das dort Gefundene aber Objekten ganz anderer Provenienz gegenübergestellt. So empfängt den Besucher gleich am Eingang ein großes Bild des aus Guadeloupe stammenden Malers Guillaume Guillon-Lethière (1760 bis 1830), das den Schwur zeigt, den sich der schwarze Anführer der unterdrückten Bevölkerung Haitis und der Chef der Mulatten von Santo Domingo zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts gaben, um gemeinsam die französische Kolonialherren von ihren Inseln zu vertreiben. Das Bild galt lange als verschollen, war erst 1991 in einer Kathedrale von Port-au-Prince wieder aufgetaucht und, nachdem es in Paris restauriert wurde, nach Haiti zurückgebracht worden. Bei dem heftigen Erdbeben im Jahr 2010 ist es zwar nicht zerstört, aber doch beschädigt worden - davon zeugen die feinen Risse, die seine Oberfläche überziehen. Gleich daneben hat Le Clézio fast eine ganze Wand der modernen Malerei Haitis, etwa von Prosper Pierre-Louis und Louisiane Saint-Fleurant, gewidmet, die er genau wie die Werke aus Vanuatu, Mexiko und Afrika im Grunde für unterbewertet hält.

Daran muss sich das Louvre erst noch gewöhnen

Um das zu überwinden, hat er auch die anderen Teile seiner Schau konsequent nach dem Prinzip der Spiegelung gestaltet, als ein fortlaufendes „mise en abyme“, in dem er unterschiedlichste Zeiten und Orte miteinander in Dialog treten lässt über Religion und Revolution, Aberglaube und Aufstand, Kolonialismus und Globalisierung. Das gilt für die Mittelalter-Vitrine, in der ein winziger, aus dem elften Jahrhundert stammender Wanderaltar aus dem Rheinland neben einem spätmittelalterlichen Reliquienschrein aus Limoges liegt, ebenso wie für die sich gegenüber befindende Sammlung von mexikanischen Exvoto-Bildern, die als einer der letzten Vertreter heute der Künstler Alfredo Vilchis Roque herstellt.

Ihm selbst, so hat Le Clézio vor kurzem gesagt, gefalle die Idee, von allem etwas zu nehmen. In diesem Sinne ist er sich treu geblieben und hat sich den Louvre gleichermaßen angeeignet und ihn ein wenig verwandelt. Das große, dem Altbewährten so verbundene Haus muss sich daran erst noch gewöhnen.

Weitere Themen

Nennen wir es Innigkeit

Raffaels Madonnen in Berlin : Nennen wir es Innigkeit

Die Berliner Gemäldegalerie läutet die Feierlichkeiten zum fünfhundertsten Todestag des Malergenies Raffael mit einer Kabinettausstellung seiner Madonnenbilder ein. Dabei wäre auch ein größerer kulturhistorischer Überblick möglich gewesen.

Das Schöne rettet die Welt

Cărtărescus neuer Roman : Das Schöne rettet die Welt

Ein zwölfseitiger Hilfeschrei als Ausdruck der menschlichen Agonie? Mircea Cărtărescu kann sich das leisten, denn in seinem überbordenden Roman „Solenoid“ hat er den Raum dazu. Und die außerdem nötige Poesie.

Topmeldungen

Klimapaket : Weg frei für billigere Bahntickets

CO2-Preis und Pendlerpauschale sollen steigen. Dafür werden Bahnfahrten günstiger. Die Bundesregierung und die Bundesländer haben sich jetzt doch weitgehend auf einen Kompromiss beim Klimapaket verständigt.
Widerstand gegen das Staatsbürgerschaftsgesetz: Ein Bus brennt auf einer Straße in Neu-Delhi.

Proteste gegen neues Gesetz : Unruhen in Indien weiten sich aus

In Brand gesteckte Fahrzeuge, ein von der Polizei gestürmter Campus, Dutzende Verletzte: Der Widerstand gegen das Staatsbürgergesetz wächst. Haben sich Ministerpräsident Narendra Modi und sein Innenminister Amit Shah verkalkuliert?
Objektiv vieler Suchbegehren: Tesla-Gründer Elon Musk

Auswertung von Suchanfragen : Die Top-Manager auf Google

Eine Auswertung der häufigsten Suchanfragen in Deutschland ergab: Das Interesse an den Neulingen ist in den Unternehmen wie in der Politik groß – aber an einen kommt keiner ran.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.