https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/lauterbach-arbeitet-trotz-corona-ausfaelle-kann-sich-niemand-leisten-18227596.html

Karl Lauterbach : Krankmachen war auch mal einfacher

Lauterbachs Pläne sorgen für Kritik. Bild: dpa

Wie kommt Karl Lauterbach mit Corona klar? Medizinisch hat er alles im Griff, politisch schweift er ab. Man muss die Isolation schließlich zu Nutzen wissen.

          1 Min.

          Karl Lauterbach macht krank. Als Krankfeiern will er das allerdings nicht verstanden wissen. Deshalb arbeitet der Minister in der Isolation weiter. Sein auf Kante genähtes Gesundheitssystem toleriert weitere Personalausfälle nicht. Nach Feststellung seiner Covid-19-Erkrankung hat das Bundesgesundheitsministerium klargestellt, dass Lauterbachs Symptome erstens noch milde seien und zweitens nicht genügten, den Minister von seinen Amtsgeschäften abzuhalten. Das klang schon in der Ankündigung wie eine behördliche Richtigstellung: Seht her, eine Krankschreibung ist kein Ticket für den Freizeitpark Deutschland. Joe Biden, der zweimal hintereinander mit Omikron infizierte amerikanische Präsident, wollte ebenfalls jeden Eindruck von Bettlägerigkeit verhindern. Wollte? Nein, er musste.

          Wehrhaft bleiben ist oberste Demokratiepflicht. Auch die kleinste Erosion der Macht, so ist nun einmal Politik, wird heute öffentlich als Schwäche verhandelt. Deshalb twittert auch Lauterbach in der Isolation weiter gegen „Hass und Niedertracht“ an und gibt Interviews. Seinem „Freund“ Tedros zum Beispiel, dem WHO-Chef Ghebreyesus, übermittelte er inzwischen ein Genesungsgruß-Dankesschreiben, dem Hausärzteverbandschef Uli Weigelt gratulierte er zu dessen „klaren Worten“ für eine vierte Impfdosis und kündigt eine Herbst-Impfkampagne an, die Verurteilung einer oberbayerischen Ärztin, die falsche Maskenatteste ausgestellt hatte, lobt er als gerecht. Auf den Vorwurf, mit den Details über seine persönlichen Corona-Maßnahmen mache er unbotmäßig Schleichwerbung für ein Pfizer-Mittel, stellt er sich allerdings lieber krank und schweigt. Die Isolation muss man auch zu nutzen wissen. Lange währt sie allerdings nicht. Der Verband der Notfall- und Akutmediziner hat nach einer Blitzumfrage zum Wochenende mitgeteilt, dass vom eklatanten chronischen Personalmangel in den Kliniken inzwischen nicht nur die Intensivbetten, sondern auch die Normalstationen und schon die Notaufnahmen massiv betroffen seien.

          Das Gesundheitssystem, im personellen Kern schon lange morbide, wankt immer mehr. Noch mehr Corona-Ausfälle kann sich das Land nicht leisten. Aber Kranke, die arbeiten? Nicht für alle hat eine Krankschreibung einen tieferen Sinn.

          Joachim Müller-Jung
          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Weitere Themen

          Der Schöne ist das Biest

          Oliver Sim von The xx : Der Schöne ist das Biest

          Auf seinem Solo-Debüt zeigt sich der britische Musiker Oliver Sim von The xx, wie man ihn noch nicht erlebt hat: verspielt, sarkastisch, persönlich.

          Topmeldungen

          Chefin der Fratelli d’Italia, Giorgia Meloni

          Nachwahlbefragung : Rechtsbündnis um Meloni steht vor Wahlsieg in Italien

          Jubeln kann vor allem die Partei Fratelli d’Italia um Giorgia Meloni, die laut ersten Prognosen mit Abstand stärkste Kraft geworden ist. Meloni dürft damit die künftige Regierung als erste Ministerpräsidentin Italiens anführen.
          Droht dem Westen: Der russische Präsident Wladimir Putin am 21. September 2022

          Putins neue Drohungen : Szenarien für den nuklearen Ernstfall

          Putin hat schon früher mit dem Einsatz von Atomwaffen gedroht. Diesmal sagt er, er bluffe nicht. Washington hat dafür Szenarien ausgearbeitet und Moskau gewarnt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.