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Laschet ehrt zu viel : Spendierhosen

Bei Armin Laschet ist das Landesverdienstkreuz im Jahre 2019 erheblich weniger wert als unter seiner Vorgängerin Hannelore Kraft - weil sie viel häufiger vergeben wird. Bild: dpa

Ein Füllhorn der Anerkennung schüttet Armin Laschet über seine Landeskinder aus: In zwei Jahren hat er schon 103 Persönlichkeiten mit dem Landesverdienstorden geehrt. Seine Vorgängerin war sparsamer.

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          Das hat Nordrhein-Westfalen nicht verdient! Die Landtagsopposition ist empört darüber, dass unter den vierzehn Bürgern, die Ministerpräsident Armin Laschet zur Feier des siebzigsten Landesgeburtstags mit dem Landesverdienstorden ehren will, auch Helmut Linssen ist, Finanzminister von 2005 bis 2010. Linssen war 2014 als Bundesschatzmeister der CDU zurückgetreten, als bekannt wurde, dass er ein Barvermögen von 829 322 D-Mark auf die Bahamas transferiert hatte. Nach Ansicht von SPD und Grünen streicht der steuerparadiesische Zinsverdienst alle Verdienste durch, die Linssen sich als Oberaufseher über das gesamte Finanzamtspersonal erworben hat.

          Eine gewisse Genugtuung mag seinen Kritikern nun eine Rechnung der „Westdeutschen Allgemeinen Zeitung“ verschaffen. Demnach ist die zweithöchste Ehrung des Landes (nach dem Staatspreis) im Jahre 2019 erheblich weniger wert als unter Laschets Vorgängerin Hannelore Kraft – weil sie sehr viel häufiger vergeben wird. Frau Kraft hat in sieben Amtsjahren 135 verdiente Persönlichkeiten ausgezeichnet, bei Laschet sind es nach zwei Jahren schon 103. Das ist ein Zuwachs um den Faktor 2,67.

          Stammland der Malocher

          Ein Füllhorn der Anerkennung schüttet der Landesvater über die Landeskinder aus – man stelle sich nur einmal vor, andere Zuwendungen wären in gleichem Umfang erhöht worden, dann hätte etwa der Kulturhaushalt von 201.406.600 Euro auf 537.755.622 Euro statt bloß auf 245.722.400 Euro steigen müssen. Aus der Sicht der Phaleristik (oder Ordenskunde, von lateinisch „phalerae“, Brustschmuck, in unserem Fall ein Malteserkreuz mit dem Landeswappen in der Mitte) fällt auch ein neues Licht auf den Niedergang der SPD im Stammland der Malocher.

          Hannelore Kraft genoss den Ruf der Kümmerin, aber sie hat sich offenbar nicht genug um die Verdienstleister gekümmert, die und deren Freunde man dankbar stimmt, wenn man ihre Brust mit einer versilberten Spange schmückt. Wie oft muss sie, wenn sie wieder mit leeren Händen zu einem Bergarbeiterchorjubiläum kam, den gezischten Satz überhört haben: Seht da, Frau Knauserig! Von dieser im Rückblick rätselhaften Austerität hebt sich Laschet in den großen Ordensspendierhosen mit grün-weiß-roten Streifen ab.

          Er ist der wahre Erbe von Johannes Rau, in dessen Amtszeit 1986 das Gesetz über den Verdienstorden verabschiedet wurde. Im Jahr zuvor hatte Rau mit dem Slogan „Wir in Nordrhein-Westfalen“ die absolute Mehrheit gewonnen. Dieser Plural der demokratischen Majestät macht die Frage ungehörig, wer sich eigentlich nicht um das Land verdient gemacht hat. Als der Aachener Lehrbeauftragte Laschet 2015 einen Stoß Klausuren verlegte, gab er auch den Studenten Noten, die gar keine Klausur abgegeben hatten. Verdienste anzuerkennen auch ohne Beleg: Das sind wir in NRW.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

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