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Las Vegas in der Eifel : Becks Traum

  • -Aktualisiert am

Kurt Beck steht unter Druck, Ingolf Deubel bald vor Gericht. Und einer hatte die Pleite am Nürburgring vorausgeahnt.

          Die Literatur geht mit der Gegenwart selten auf Tuchfühlung, oft hockt sie nachdenklich in WGs und Beziehungskisten, wo die Stoffe doch auf der Straße liegen und das dramatische Personal im Akkord über die Bühne rennt. Hochstapler wie Madoff, stürzende Patriarchen wie Kirch, Hasardeure wie Kerviel, Kumpels wie Mappus und Notheis. Man müsste sie nur einen Augenblick festhalten. Vielleicht so: „Mensch, Eifel, das ist überhaupt ein weißer Fleck. Eifel, da fallen mir ganz andere Sachen ein. Ich hab neulich mal so ein Tourismus-Exposé entworfen, ein geiles Sanierungsprogramm, sag ich Dir.“ Sie merken, worum es geht?

          Drehen wir die Geschichte ruhig noch etwas weiter. „Man muss da völlig umdenken, also hier anfangen mit unkonventionellem Erholungsmarketing. Meine Hauptattraktion wird Las Vegas, wir brauchen in der Eifel ein richtiges Las Vegas. Alles muss stinken nach Geld und Gold, damit es den Leuten nichts ausmacht, pleite zu sein, der deutsche Geizhals,...“ Gute Idee, aber noch zu gewöhnlich. „Die ganze Anlage sollten wir um die Nürburg herum bauen, der Ring wird als Attraktion mit einbezogen, zur Spannungsaufladung ein paar Rennrunden zwischendurch im eigenen Wagen oder in Formel-1-Attrappen mit Golf-Motor.“

          Mit Vollgas ins Desaster

          Am Anfang steht immer ein Traum: „So ließen beide das Projekt wuchern, bis jeder Quadratmeter Vulkangestein in eine Goldmine verwandelt war. Die Investitionsgelüste waren nicht allein vom Wein geschürt, sie schienen glücklich zu sein, sich aus ihrer Wirklichkeit herausplanen zu können und sich ihren Phantasien überlassen zu können, ohne gleich von Chefs oder Geldgebern kontrolliert und gebremst zu werden.“

          Ja, so könnte es gehen. Steht übrigens alles auf den Seiten 162 bis 164 des Romans „Ein Held der inneren Sicherheit“ von Friedrich Christian Delius aus dem Jahr 1981. Als vom Vegas am Nürburgring noch keine Rede war und die Boliden selbstgenügsam ihre Kreise fuhren. Eine hübsche Prophetie der Kunst. Ob Kurt Beck sie gelesen hat?

          Im Oktober beginnt der Prozess gegen Ingolf Deubel, der sich gemeinsam mit dem pfälzischen Ministerpräsidenten ungebremst von Chefs und Geldgebern aus der Wirklichkeit herausplante und sein Eifel-Klondyke mit Ferienhäusern, Achterbahn und Racingboulevard am Nürburgring samt 350 Steuermillionen, von denen es laut Beck keine einzige geben würde, mit Vollgas in den Sand setzte. Gescheiterte Projektemacher, dubiose Finanzinvestoren, Millionentransfers nach Liechtenstein, Züricher Bordells, unbekannte Geschäftspartner in Dubai, Hausuntersuchungen bei kritischen Journalisten. War alles dabei. Man greife zu.

          Thomas Thiel

          Redakteur im Feuilleton.

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