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„Peer Gynt“ in Berlin : Irrewerden an der Wirklichkeit

  • -Aktualisiert am

Zwischen die Zeiten gefallener Engel: Lars Eidinger Bild: dpa

Ein unstillbarer Hunger nach Bedeutung: Lars Eidinger steht als „Peer Gynt“ auf der Berliner Schaubühne und verkörpert dabei das Gefühl unserer Epoche.

          5 Min.

          So viel Text! So, so viel Text, der gelesen werden will. Um uns herum: Eine ständige Sendung, Gier nach Wahrnehmung, eine Bedeutungsschicht nach der nächsten wird abgetragen, zerrieben und wieder neu zusammengesetzt. Dichtes Geflecht von Ableitungen und Zitaten, ständig in nervöser Bewegung, ein einziges Zittern, das ist unsere Welt. Nur Phlegma bleibt übrig, wenn sich der Nebel lichtet. Vor und zurück, der Weg ist gleich weit, wir sind angekommen am Scheideweg, an dem der Krumme uns zuruft: „Mach einen Umweg, geh außen rum.“

          Die Gegenwart, so wie sie der traurige Spieler sieht, ist verblühte Assemblage, reines Medley aus Tontropfen und Bildfetzen, ein Drehkarussell von Fake-Figuren, auf das man hier und da aufspringen und eine Achtelsekunde lang mitfahren kann im trügerischen Gefühl, die Hand doch noch am Lenkrad zu haben. Dabei kreist das Karussell nur immer weiter, in ewiger Schleife, bis kein Blick es mehr hält. Was soll da noch kommen? Wozu die Frage nach dem echten Ich? Der Wahrheit? Dem Kern?

          Einen Finger hätte er sich heute früh bei der Probe abgeschnitten, so kündigt die flunkernde Regieassistentin den Peer des Abends an, aber er spiele trotzdem, mit Bandage und Schmerzmitteln. Die Schiene, mit der Lars Eidinger dann auftritt, ist gemacht aus einer alten Armbanduhr – die Zeit heilt alle Wunden. Weißgeschminkt wie Gründgens’ Mephisto, mit eckigen nackten Schultern und goldenen Grills über den Zähnen, einem umgedrehten Stuhl auf dem Kopf und hilflosen Strapsen, mit offenen Stiefeletten und lackierten Fingernägeln steht er da und bietet sich an: Schaut her, hier bin ich, ein Gesamtkunstwerk, ein zersplittertes Etwas, das Schutz sucht und gleichzeitig Freiheit will, Brechung und Ganzheit, Ironie und Pathos, alles zusammen voneinander getrennt, die Gegensätze hetz ich aufeinander wie Kampfhunde um Mitternacht – „fuck being cool“. Peer lügt. Er erzählt das Graue vom Himmel herunter und ersetzt es durch leuchtendes Pinkblau, erträumt eine wilde Bocksjagd (und singt dazu „Hunting High and Low“ von a-ha), spielt Pornoprinz und Weltenkönig.

          Peer Gynt (Lars Eidinger) überkommt der Traum von Freiheit, als er am Himmel die Wildgänse gen Süden ziehen sieht.

          Um ihn herum hat der bildende Performance-Künstler John Bock ein retrofuturistisches Agrar-Environment geschaffen, mit rostigen Drehwinden, einer Leinwand aus Feinripp-Slips und Heuballen, aber auch mit blubbernden Glaskolben, Transportleitungen und einem überdimensionalen Stoffgolem aus losen Schwänzen und Chaosmustern. Wie durch einen begehbaren Chemiebaukasten stolpert Peer über die Bühne und experimentiert wild mit verschiedenen Elementen herum, mischt, schüttelt und zündelt, bis es knallt. Auch er selbst ist nichts anderes als eine chemische Reaktion, zusammengesetzt aus immer neuen, immer abartigeren Stoffen, er füllt sein Ich wie ein leeres Reagenzglas mit lauter Giften, stülpt sich riesige Stoffkissen über, frisst Ekelhaftes in sich hinein, bis es ihn zerfetzt. Ein Ei von einer Stiefelspitze zertreten, ein Ei ins linke Auge gedrückt, ein Ei im Saftmixer zusammen mit Milch, Wiener Würstchen und Bier – und das dann trinken, mit zugehaltener Nase, bis zum Erbrechen. Warum? Damit es eine Reaktion gibt, damit das sinnlose Selbst spürt, dass doch irgendwo ein Bewusstsein ist.

          Es ist nicht nur Aktion, nicht nur Performance, was man an diesem Abend sieht, Eidinger schafft es auf geniale Weise, seinen knallköpfigen Selbstversuchen immer wieder auch Versatzstücke des Ibsenschen Stücks unterzumischen. Der Traum von Freiheit, der Peer plötzlich überkommt, als er am Himmel die Wildgänse gen Süden ziehen sieht, wird voll ernster Sehnsucht geträumt, die Hoffnung darauf, irgendwo „reingewaschen“ zu werden von all dem Schmutz, all der Lüge. Im nächsten Moment dann gleich wieder ein drastischer Schock (vor dem schon in der Programmankündigung gewarnt wird): Als zeitgemäße Entsprechung zu Peers Weiberheldentum findet Eidinger sich in einer expliziten Pornophantasie wieder, die in Großformat auf die Leinwand projiziert wird.

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