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Langzeitbeobachtung : Die Kultur des Kandidaten

Frank-Walter Steinmeier in der Berliner Kita „Bunter Stern”, wo er Kindern aus dem Buch „Caramba” vorlas Bild: dpa

Er eröffnet die Buchmesse, trifft Architekten aus Afrika, diskutiert mit Autoren aus Israel. Was die Kultur unserem Außenminister Frank-Walter Steinmeier zu sagen hat - und umgekehrt. Eine Langzeitbeobachtung.

          Der Weihnachtsbaum leuchtet bis nach draußen, durch die Glasfenster des Lichthofs im Auswärtigen Amt. Drinnen ist es erst mal wie am Flughafen: Sicherheitskontrolle, Mantel ausziehen, Tasche aufs Fließband, Personalausweis herzeigen. Es ist der 27. November 2008. Am Vortag haben die Anschläge in Mumbai begonnen, und Frank-Walter Steinmeier, der an diesem Abend zur Eröffnung der Ausstellung „Afrika baut seine Zukunft“ eingeladen hat, für die zwei Architekten aus Burkina Faso das Modell eines Klassenzimmers ihrer Heimat nachgebaut haben, muss noch telefonieren, muss Interviews geben. Es ist noch unklar, wie viele deutsche Tote unter den Opfern in Indien sind. Steinmeier verspätet sich.

          Julia Encke

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Es ist einer der komplizierteren Außenministertage. Bevor er am selben Morgen ins Amt fuhr, hatte Steinmeier eine Kindertagesstätte im Berliner Wedding besucht und dort aus einem Kinderbuch von Marie-Louise Gay vorgelesen. „Caramba“, die Geschichte eines Katers, der nicht fliegen kann, obwohl es alle anderen können, nur er nicht, bis er entdeckt, dass er dafür etwas ganz anderes kann: schwimmen wie ein Fisch. Vor der Kita warteten Journalisten mit ihren Kameras und wollten eine Stellungnahme zu Indien, aber der Kindergarten und die Kinder durften bei dem Thema auf keinen Fall mit aufs Bild. Also suchte man ein paar Schritte weiter nach einem neutralen Ort. Morgens der Kater „Caramba“, jetzt Afrika - zwei Kulturtermine ausgerechnet an diesem Tag. Warum? Ist das reine Image-Pflege, oder sagt die Kultur ihm wirklich etwas? Und was hat Frank-Walter Steinmeier der Kultur zu sagen?

          Lemgo liegt in Afrika

          Im Lichthof warten längst mehr als zweihundert Gäste. „Und Sie? Sind Sie auch aus dem Lippischen?“ Der Mann neben mir streckt mir plötzlich seine Hand hin. „Wie bitte?“ - „Na, ob Sie auch aus dem Lippischen kommen wie wir?“ Er zeigt auf die Herrengruppe, mit der er an einem der Bistrotische steht, die vor dem Burkina-Faso-Klassenzimmer aufgebaut sind, darunter ein Förster in Grün mit „Forstamt Verwaltung“-Abzeichen am Arm. Offenbar eine sehr bunte Veranstaltung hier: Ein paar Meter weiter servieren schwarze Frauen in afrikanischer Tracht Mango- und Bananensäfte, da steht der Förster aus dem Lippischen. „Äh, nein, ich wohne in Berlin, bin aber eigentlich wegen Afrika hier, wieso?“ - „Na, weil wir den Weihnachtsbaum hergebracht haben, der heute eingeweiht wird, aus Brakelsiek, da kommt doch der Steinmeier her!“ Zufrieden betrachtet er die neun Meter hohe Blaufichte vor uns. Für den Mann aus Ostwestfalen scheint hier alles klar zu sein. Wenigstens für ihn.

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          Dann: der Außenminister. Er entschuldigt sich, bestätigt einen toten deutschen Staatsangehörigen in Indien, kann weitere nicht ausschließen und resümiert kein gutes Jahr für die internationale Politik. Zu viele Kriege, zu viele Krisen. Schön aber, dass jetzt alle da seien. Sicher würde man sich schon fragen, was ein Weihnachtsbaum aus Lemgo denn nun mit Afrika zu tun habe. Wer das wissen wolle, der googele: „Lemgo + Afrika“. Und der stoße auf ein Zitat von Wladimir Kaminer, einem sehr witzig schreibenden Schriftsteller, der in Berlin lebe und aus Russland komme und der gesagt hat: „Seit meiner Kindheit faszinieren mich Orte mit exotischen Namen. Deswegen freute ich mich, als eine Einladung zu einer Lesung nach Lemgo kam. Lemgo hört sich exotisch an, wie alle Orte mit einem O am Ende, wie Kongo, Toronto, Acapulco, Limpopo. Ich stellte mir ein altes Städtchen am Rande eines großen Flusses vor, in dem möglicherweise noch das Matriarchat herrscht - große kräftig gebaute Frauen jagen kleine grüne Süßwasserkrokodile im Lemgoischen Busen. Ich war mir ziemlich sicher, dass Lemgo irgendwo in Afrika liegt.“

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