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Peter Scholl-Latour : Der ältere Fuchs

  • -Aktualisiert am

Peter Scholl-Latour Bild: dpa

Seine kraftvollen, jedes vernünftige Argument hinwegfegenden Floskeln verweisen auf die Säulen, auf denen die Weltanschauung jedes vernünftig gewordenen Menschen ruhen sollte. Lang lebe Scholl-Latour!

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          Dass die Russen in Gestalt Putins einen sehr ausgeschlafenen alten Fuchs am Ruder haben, erleben wir derzeit. Diese Zuschreibung kann ohne jede nähere politische Einschätzung auskommen und ist eher so ästhetizistisch dahingesagt. Was setzt dieser Mann nicht alles frei an hiesiger, fast möchte man sagen: westlich-überfeinerter Debattenkultur!?

          Hoeneß, Edathy und Sarrazin sind Waisenknaben gegen diesen, wie gesagt, sehr ausgeschlafenen alten Fuchs. Aber wir haben auch einen sehr ausgeschlafenen, sogar noch wesentlich älteren Fuchs, der zwar nicht Präsident ist, sondern nur Journalist, aber immerhin: Es ist Peter Scholl-Latour, gerade neunzig geworden, der in seiner Präsenz nicht lockerlässt.

          Drei Säulen

          Am Dienstag war er wieder bei Maischberger. Es ging natürlich um den anderen, wesentlich jüngeren alten Fuchs. Und wie Scholl-Latour da die ganze Zeit herumsaß, altersbedingt schon etwas eingesunken im Sessel, abgebrüht schmunzelnd und jederzeit bereit, das Böse (beileibe nicht nur im russischen Menschen) scharf, aber nüchtern und ungerührt, ja, beinahe achselzuckend ins Auge zu fassen, das war ein Schauspiel, wie man es nicht alle Tage geboten bekommt.

          Zuschanden wurden vor der geballten Lebens- und Berufserfahrung dieses eindrucksvollen Mannes mit einen Mal sämtliche menschen- und völkerrechtlichen Erörterungen. Er schmiss mit Ausdrücken wie „blödsinnig“ und „idiotisch“ nur so um sich. Ein tiefer, so sonst kaum noch praktizierter Skeptizismus ist ihm eigen, der sich in kraftvollen, jedes vernünftige Argument hinwegfegenden und leider ebenfalls ganz aus der Mode gekommenen Floskeln wie „Prost Mahlzeit“ immer wieder Bahn bricht. „Prost Mahlzeit“: Der auch im Internet aufrufbare Redensartenindex erläutert dazu zutreffend: „umgangssprachlich, ironisch; Ausdruck von Verärgerung/Enttäuschung/Skepsis“. Das sind akkurat die drei Säulen, auf denen die Weltanschauung jedes vernünftig gewordenen, und das kann ja nur heißen: aller Illusionen verlustig gegangenen Menschen irgendwann ruhen sollte.

          Erst so wird man in die Lage versetzt, im Gewirr von Politik und Recht noch an etwas anderes zu denken: an das unwägbar-widersprüchliche Allgemeinmenschliche. Jeder Gesprächspartner wird da zwangsläufig zum „Schwätzerchen“ („Zauberberg“), selbst Obama, über den der Alte sagte, der habe ja schon für seine bloße Ernennung den Friedensnobelpreis bekommen. Lang lebe Scholl-Latour!

          Edo Reents

          Redakteur im Feuilleton.

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