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Landschaftsmaler John Kelsey : Wo das Internet wohnt

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„NSA Data Center, Camp Williams, UT“, 2013 Bild: Galerie Buchholz, Berlin/Cologne

Hier ist Google zu Hause, dort erstreckt sich das Datenzentrum von Facebook: John Kelsey zeigt uns die Landschaften, in denen die großen Server unseres Zeitalters stehen.

          Als der Künstler John Kelsey noch jünger war, verbrachte er mit seinen Eltern jedes Jahr den Sommer auf Cape Cod, dieser touristisch übererschlossenen Halbinsel im Nordosten von Massachusetts, die man sich mit ihrer herben Schön- und noch herberen Langweiligkeit als so etwas wie ein nordostamerikanisches Sylt vorstellen kann. So wie jede Familie im Urlaub ihre eigenen Mittelchen entwickelt, um einander vor lauter ungewohnter Intimität nicht die Köpfe einzuhauen, verkürzte sich der kreativ veranlagte Teil der Familie Kelsey die Ferien damit, „kleine, freudlose, protestantische“ Aquarelle der nach Erholung aussehenden Landschaft zu malen: Meeresbrandungen, weiße Dünen, Schäfer in der Abendsonne.

          Unter eigenem Namen schreibt er sonst nur Kunstkritiken

          So ungefähr steht es in dem kleinen Text, den Kelsey jetzt für seine Ausstellung in einer Kölner Galerie geschrieben hat. Heute ist Kelsey einer der meistbeschäftigten Figuren der Kunstwelt - und vielleicht die unübersichtlichste. Unter dem Namen Reena Spaulings macht er mit mehreren Kollegen zusammen Kunst (ziemlich elegante Acrylgemälde beispielsweise oder Surfbrettskulpturen aus Marmor) und betreibt außerdem eine gleichnamige Galerie. Als Teil der „Bernadette Corporation“ macht er einerseits ebenfalls Kunst (Videoinstallationen, Modefotografie) und hat andererseits an einem Roman mitgeschrieben, der wiederum „Reena Spaulings“ heißt. Sein eigener Name ist normalerweise der Tätigkeit als Kunstkritiker vorbehalten. In Köln verwendet er ihn nur ausnahmsweise.

          So wie Kelsey mit hergebrachten Kunstweltkategorien panscht, wird auch auf den kleinen, seltsamen Blättern in Köln zusammengebracht, was zwar vielleicht nicht zusammengehört, einander aber durchaus etwas zu erzählen hat. Der Künstler packt das spießig-bourgeoise Medium seiner Jugend wieder aus, inklusive all der handwerklichen Unzulänglichkeiten, die solche Reanimationen mit sich bringen.

          „Facebook Data Center, Rutherford County, NC VI“, 2013

          Wie ein übereifriges Kind, das den Kunstlehrer zu wörtlich genommen hat, beginnt er Farmen zu malen, die ja eigentlich das Standardmotiv jeder bürgerlichen Landromantik sind, lässt auf den Bildern aber riesige flache Kisten erscheinen - die sogenannten „server farms“, die seit Jahren im Auftrag aller möglicher Internetgiganten in mehr oder weniger abgelegene Landschaften gebaut werden und dort die Stromproduktionen mittlerer Atomkraftwerke fressen. Kelsey meint das eigentlich vor allem als Insider-Witz - als grinsenden Seitenhieb auf eine in seiner Ecke der Kunstwelt mit heiligem Ernst geführte Diskussion der Frage, ob Gemälde nun „Netzwerkcharakter“ hätten oder nicht.

          Doch wer will, der kann sich der grandiosen kleinen Ausstellung auch auf anderen Wegen nähern. Denn Kelseys Landschäftchen kann man auch als eine dieser immer wieder nötigen Erinnerungen an die Schlucht verstehen, die sich auftut zwischen unserer Umwelt und den Begriffen und Metaphern, mit denen wir sie beschreiben.

          „Google Data Center, Lenoir, NC“, 2013

          Spätestens seit Eric Schmidt, der damalige Google-Chef, vor sieben Jahren beiläufig erklärte, seine Firma werde die ihr anvertrauten Daten fortan auf „irgendwo in einer Wolke“ untergebrachten Servern speichern, hat das Internet in unserer Wahrnehmung sein Zuhause verloren. Wo man vor nicht allzu langer Zeit noch durch „Tore zum Cyberspace“ treten und in „Geocities“ Zweitwohnsitze anlegen konnte, da legt das frische Marketingkonstrukt des „Cloud Computing“ heute eine Zukunft nahe, in der die Schönheitsfehler sperriger, dröhnender, umweltverschmutzender Hardware Platz gemacht haben für luftige, schwebende Datenströme.

          Wenn man, wie das der Journalist Kevin Kelly vor einiger Zeit getan hat, Leute bittet, zu skizzieren, wie sie sich das Internet vorstellen, dann bekommt man heutzutage fast ausschließlich faserige, nach Wasserdampfansammlungen aussehende Pfeilknäuel zurück. Kelseys Aquarelle sind also auch Erinnerungen an die kleinstadtgroßen, lärmenden, handfest geographischen Realitäten hinter unseren marketinggetränkten Metaphern.

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