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Die Zeitschrift „MUH“ : Hoffentlich wird es nicht so schlimm, wie es schon ist!

Sosehr sich Heimatdichter mühten - in Bayern blieb die Zeit nicht stehen: „Timescape 817“ heißt die Serie, mit der Michael Ruetz das immer gleiche Chiemgauer Motiv aufnahm (1989-2012) Bild: Michael Ruetz / Focus

Die Zeitschrift „MUH“ kennt nur ein Thema - Bayern. Kann das gut gehen? Es kann. Aber nur, wenn man nicht glaubt, dass es sich um die Südvariante von „Landlust“ handelt. 

          5 Min.

          Wer sagt denn, dass Bayern langsam sind? Doch nur Leute, die es sich im Klischee gemütlich gemacht haben. Und davon gibt es leider auch in Bayern allzu viele. Wäre es anders, müsste es mehr Leser einer Zeitschrift geben, die seit vier Jahren um Aufmerksamkeit kämpft. Aber das ist schwer in diesen Zeiten, auch in Bayern. Die Zeitschrift heißt „MUH“, wie das Statement der Kuh oder wie „Musik und Heimat“, sie erscheint im Regelfall viermal jährlich, hat knappe hundert Seiten, kostet 5,50 Euro und ist ziemlich cool, um es mal gleich deutlich zu sagen.

          Hannes Hintermeier

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

          Ein ganzes Magazin nur über Bayern? Doch, das geht. Das geht so sogar spielend, sagt Josef Winkler, der für die Redaktion verantwortlich ist. Und zwar im Alleingang. Das ist keine kleine Leistung, die er sich seit vier Jahren abverlangt. Und das kam so: Winkler war fünfzehn Jahre lang Redakteur der zum Springer-Konzern gehörenden Zeitschrift „Musikexpress“. Als im Sommer 2010 eine Übersiedlung von München nach Berlin verkündet wurde, war für den bekennenden Bayern Winkler klar, dass er den Zug in die Hauptstadt nicht besteigen würde.

          Eine findige junge Kollegin aus dem Vertrieb, Nicole Kling, machte ihn mit der seinerzeit aufstrebenden, mittlerweile zur Heimatsound-Weltmacht aufgestiegenen Blaskapelle „La Brass Banda“ bekannt, namentlich mit dem Gründungsmitglied Stefan Dettl. Der befeuerte die Idee, es den Preußen mit einem eigenen Magazin zu zeigen. Die Idee war so schnell da wie der Name, eine GmbH wurde gegründet, für die Dettl das Geld gab, sich dann aber rasch wieder seiner Band zuwandte. Das kleine Schiff musste allein Fahrt aufnehmen, sein Ideengeber ist im Musikgeschäft zweihundert Tage pro Jahr auf Tour, fern der Chiemgauer Heimat.

          Mehr als Blasmusik und Bauerntheater

          In dieser euphorisierten „Gründungsviertelstunde“, erinnert sich Winkler heute, „waren wir überzeugt, was ,Landlust‘ kann, können wir auch - weil Bayern ja thematisch viel größer ist. Mehr als Blasmusik, Bauerntheater, Skifahren und CSU. Und schließlich möchten wir ohne das Süßliche auskommen, das rein Affirmative.“ Also bloß nicht wie „Landlust“ werden und nicht wie „Servus“, jenes im Nachbarland Österreich seit fünf Jahren erfolgreich agierende Monatsmagazin. Da das Heft für „Stadt und Land“ zum Medienimperium des „Red Bull“-Milliardärs Dietrich Mateschitz gehört, wartet es nicht nur mit Regionalausgaben für Österreich, Deutschland, Bayern und Baden-Württemberg auf, es ist auch gefälliger und auf hohem professionellem Niveau produziert. Gegen solche Vertriebsmacht ist schwer anstinken.

          Die Wiege von „MUH“ stand in einem Bauernhaus in Truchtlaching im Alztal, wo Stefan Dettl wohnt; heute ist der Firmensitz fünf Kilometer weiter südwestlich in der Wohnung von Nicole Kling in Seebruck am Chiemsee; und die Redaktion ist immer da, wo Winkler seinen Laptop aufklappt, in München, im heimatlichen Trostberg oder in der Bahn. Er sei damals froh gewesen, aus der Musikecke herauszukommen - und das glaubt man ihm auch sofort, denn Josef Winkler wirkt vielleicht ein wenig aufgedreht, aber dabei so was von authentisch (neudeutsch: unprätentiös), dass man ihm seinen Abschied vom Jugendwahn abnimmt. „Im Zweifelsfall sind alte Menschen interessanter“, sagt der Zweiundvierzigjährige mit der unkontrollierten Haar- und Barttracht.

          Vierzehnhundert Heftseiten

          Zum Journalismus sei er eher zufällig gekommen, das lustlos eingeschlagene Studium der Kommunikationswissenschaft wurde schon nach drei Monaten von einem Praktikum beim „Musikexpress“ abgelöst. Zurückgekehrt an die Uni ist er nie. An die vierzehnhundert Heftseiten hat er bislang betreut oder selbst geschrieben, die ersten Nummern gestaltete unentgeltlich Michael Gollong, und sammelte dafür gleich einen Lead Award ein. Thematisch ist alles dabei, was einerseits erwartbar, andererseits unvermeidlich ist. Die verwendete Sprache ist Hochdeutsch, jedenfalls überwiegend.

          Dazu gibt es Bilderstrecken, eine niemals anödende Typographie, die manchmal zu viel des Originellen will, als Rausschmeißer einen „weißbläulichen“ Fragebogen, in dem es immer wieder um die Sprachbarriere geht. In Heft 5 etwa sagt die Schauspielerin Johanna Bittenbinder auf die Frage, wann sie Hochdeutsch gelernt habe: „In der Grundschule hieß es irgendwann immer: Und wie heißt das richtig? Und damit war Hochdeutsch gemeint. Das hab ich nicht verstanden, weil ich ja auch richtig gesprochen habe.“

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