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Lagebericht in 45 Punkten : Amerika, du hast es schlechter

  • -Aktualisiert am

41 Wir sind aufgewachsen mit dem Verständnis, dass Amerika eine Gesellschaft mit hoher Durchlässigkeit zwischen den sozialen Schichten hat - das ist die Geschichte vom Tellerwäscher, der es zum Millionär bringt. Die Wirklichkeit zeigt aber das Gegenteil: Unter den OECD-Ländern gehören die Vereinigten Staaten sozialstatusbezogen zu den am wenigsten durchlässigen Gesellschaften. Die Eliten rekrutieren sich zunehmend selbst.

Teure Ansicht: Die Nassau Hall an der Ivy-League-Universität Princeton
Teure Ansicht: Die Nassau Hall an der Ivy-League-Universität Princeton : Bild: ASSOCIATED PRESS

42 Überhaupt die Elitenrekrutierung. In Europa gehört der Glaube an die magischen Kräfte der Ivy-League-Universitäten zum Kernbestand dessen, was Amerika ausmacht. Diese Hochschulen sind sicher gut. Aber der Preis, den die amerikanische Gesellschaft dafür zahlt, ist hoch. Es kommt frühzeitig zur Elitenbildung (und -züchtung), indem junge Leute auf eine Schiene gesetzt werden, auf der sie nur noch mit den oberen eineinhalb Prozent der Gesellschaft verkehren.

43 Wie steht es überhaupt um eine Gesellschaft, die im Kern auf einem ungeregelten Nebeneinander-, aber nicht auf dem Miteinanderleben beruht? Man denke da nur an den legendären amerikanischen Siedler, der in seiner Einsamkeit am Abend eines geschäftigen Tages zum ersten Mal in der Ferne Rauch am Horizont aufsteigen sieht. Statt sich auf die Visite zum neuen Nachbarn zu machen, sagt er seiner Frau, man müsse am kommenden Morgen packen und weiterziehen, weil es am gegenwärtigen Wohnort zu „crowded“ werde.

44 Werden die Vereinigten Staaten erst dann wieder modern, wenn das Land, nicht nur bei den Geburten „majority minority“ ist, sondern wenn Minderheiten die Mehrzahl der Wähler stellen? Wenn Frauen in der Politik und im Berufsleben stärker bestimmen? Eine weise Beobachterin der amerikanischen Politik sagte am Tag der Bestätigung von George W. Bushs Wahl durch den Supreme Court, also vor einem Jahrzehnt, jetzt beginne das letzte große Aufbäumen des „weißen angelsächsischen Mannes“. Vieles spricht dafür, dass sie recht hatte.

45 Was passiert jemandem, der sich mit solchen Fragen in der amerikanischen Gesellschaft befasst? Er wird entweder von einem erfolgreichen schwarzen Harvard-Absolventen in seinen Vierzigern gefragt, ob er denn „Pfarrer“ von Beruf sei. Wie kommt er darauf? Weil der Betrachter sich mit fundamentalen Fragen befasse, wo es doch in Washington eigentlich nur ums Geldverdienen gehe, egal, wer Präsident sei. Amerikanische Freunde, die in Geschichte bewandert sind, sagen, dass es gerade jetzt wichtig sei, Bekennermut zu zeigen. Die Deutschen wüssten ja, wohin Duckmäusertum historisch führen könne.

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