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Lagebericht in 45 Punkten : Amerika, du hast es schlechter

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33 Wenn Amerikaner Trost suchen vor ihren Abstiegsängsten, sagen sie: „Die Chinesen haben auch so ihre Probleme.“ Natürlich haben sie die. Aber seit wann ist es produktiv, sich mit einem auf einem ganz anderen wirtschaftlichen und sozialen Entwicklungsstand befindlichen kommunistischen Land zu vergleichen, um ein positives Selbstbild zu bekommen?

34 Es gibt eine amerikanische Neigung, alle anderen Nationen - voran China - für die eigenen wirtschaftlichen Schwierigkeiten verantwortlich zu machen. Was wäre denn wirklich anders, wenn der Renminbi aufgewertet würde? Die beste Verheißung ist ein maximaler Zuwachs von 700 000 Arbeitsplätzen - kaum die Kehrtwende für das wirtschaftliche Schicksal.

35 Wann hört endlich das Geschwätz auf, dass amerikanische Arbeitnehmer die produktivsten der Welt sind? Es gibt keinen Maßstab, demzufolge das der Fall wäre, und doch reden alle, von Obama bis zu seinen republikanischen Widersachern, tagein, tagaus davon. Wer sich dermaßen „top“ redet, verkennt die Notwendigkeit zum Wandel.

36 Kann der Zweckpessimismus europäischer, protestantischer Tradition jemals zur amerikanischen Alltagsdoktrin werden, um auf diese Weise jeden Tag kleine Schritte des Wandels und der Verbesserung einzuleiten? Man sollte es angesichts der Bedeutung protestantischer Quellen in der amerikanischen Geistes- und Kapitalismusgeschichte eigentlich glauben. Aber gegenwärtig hat es den Anschein, als dass es eines Archäologen bedürfe, um diese Quellen wieder freizuschaufeln.

37 Kann eine moderne Industrie- und Dienstleistungsgesellschaft je wieder auf die Beine kommen, wenn sie Regierungsbeamte und Angehörige des öffentlichen Dienstes ausnahmslos als „Bürokraten“ (die Lieblingsformel der Republikaner) beschreibt? Nicht dass es bei der Verwaltung keine Missstände gäbe, aber die sind nicht schlimmer als etwa in Europa. Was besagt es über die innere Friedfertigkeit einer Gesellschaft, wenn der gesamte öffentliche Dienst in derselben Hass-Perspektive beschrieben wird, wie dies zu Zeiten der Sowjetunion für den Begriff „Kommunisten“ der Fall war?

Der amerikanische Bürgerkrieg übt auch heute noch eine Faszination auf die Bevölkerung aus.
Der amerikanische Bürgerkrieg übt auch heute noch eine Faszination auf die Bevölkerung aus. : Bild: AFP

38 Werden wir in der zweiten Hälfte von Obamas Amtszeit erleben, dass sich das ungute Gefühl der beiden vergangenen Jahre - dass der amerikanische Bürgerkrieg zwar 1861 angefangen hat, aber nicht 1865 zu Ende ging, sondern fortschwelt - bewahrheiten wird? Eine Welt der unversöhnlichen Gegensätze zwischen amerikanischem Norden und Süden?

39 Es gibt eine systematische Verteufelung der Gewerkschaften in Amerika. Sie werden allzu häufig gerade nicht in den Entscheidungsprozess mit einbezogen, wenn es um die Behebung von Schwierigkeiten im Unternehmen und mögliche Entlassungen geht. Mit Vorliebe engagiert man sie erst, wenn vollendete Tatsachen geschaffen worden sind.

40 Wie verhält es sich mit dem sagenhaften amerikanischen Pragmatismus? Er verheißt, dass man sich nicht so lange ideologisch in Probleme verbeißt, bis diese nicht mehr zu lösen sind; statt dessen sollen sie nüchtern am Schopfe gepackt werden, um zu einer einvernehmlichen Lösung zu kommen, mit der alle Seiten leben können. So weit die Versprechung.

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