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Lagebericht in 45 Punkten : Amerika, du hast es schlechter

  • -Aktualisiert am

25 Dies gilt umso mehr, als die Politik denselben Interessen - wegen der privaten Wahlkampffinanzierung - geradezu hörig ist. Ein Kreml-Stratege hat einmal gesagt, dass Putins Partei Vereintes Russland dem amerikanischen Parteiensystem nachgebildet ist. Er lehnte sich im Vertrauen zu seinem amerikanischen Gesprächspartner hinüber und raunte verheißungsvoll: „Wir wissen doch beide, dass Republikaner und Demokraten zwei Seiten derselben Medaille sind, nicht wahr?“

Vorsicht, Rutschgefahr: Amerikanische Medien
Vorsicht, Rutschgefahr: Amerikanische Medien : Bild: dpa

26 Die amerikanischen Medien sind stärker von Werbeeinnahmen abhängig als anderswo, sowohl was Zeitungen als auch was Fernsehen angeht. Eine einfache Testfrage: Welche Industrien kamen im Schnitt für die meisten Werbeumsätze der Medien auf? Automobilhersteller, Bauindustrie, Finanzdienstleister und Arzneimittelhersteller. Und welche Industrien kollabierten vor einigen Jahren? Autos, Bau und Banken, während die Pharmakonzerne (samt anderen Gesundheitsdienstleistern) bislang eine kostensparende Reform verhindern konnten.

27 Weil die amerikanischen Medien aus materiellen Selbsterhaltungsinteressen keinen Biss haben, tragen sie so gut wie nichts zur rechtzeitigen Bekämpfung offensichtlicher Effizienz- und Modernisierungsdefizite bei. Hinterher ist man freilich intensiv damit befasst, eine ebenso intensive wie stilistisch brillante Analyse anzufertigen, in der Hoffnung, nachdem es schon zu spät ist, wenigstens einen Pulitzer-Preis für wegweisende Berichterstattung einzuheimsen. Gesamtgesellschaftliche Verantwortung sieht anders aus.

28 Eine Denksportfrage: Wie viele Unternehmensführer und Konzerne sind auf den Titelseiten der amerikanischen Wirtschafts- und Finanzmagazine in die Kritik geraten, bevor sie abgesägt oder verhaftet wurden und bevor jeder, aber auch jeder Leser aus den Zeitungsnachrichten die Missstände mitbekommen hatte?

29 Wie steht es überhaupt um die selbstkritische Fähigkeit der öffentlichen Diskussion? Warum wird Kritik und Realitätssinn immer sofort als Pessimismus abgetan? Und warum gilt es selbst bei gesellschaftlichen Anlässen in camera, sagen wir, bei einem Dinner, nach Möglichkeit nichts Kritisches zu sagen?

30 Der sagenhafte amerikanische Optimismus erscheint letztlich mehr als ein vorläufig kostensparendes Instrument, um mit einem rein rhetorischen Kunstgriff (samt dessen Erhebung zum gesamtgesellschaftlichen Glaubensprinzip) den Auf- und Ausbau eines effizienten Sicherungsnetzes zur Stützung der sozial Schwachen zu verhindern.

Zurückgelehnt, seine Zeit ist vorbei: George W. Bush
Zurückgelehnt, seine Zeit ist vorbei: George W. Bush : Bild: dpa

31 Es gibt ein fortlaufendes Gerede, dass Amerika unter Obama ein „verlorenes Jahrzehnt“ erlebe. Ist es in Wirklichkeit nicht viel schlimmer, da bereits ein verlorenes Jahrzehnt hinter Amerika liegt, weil George W. Bush durch die Welt marodierte, statt sich Grundsatzfragen wie der Erneuerung der amerikanischen Wettbewerbsfähigkeit und Produktivität zu widmen?

32 Wie vertrauenerweckend ist die Meinung von Leuten, die stolzgeschwellt sagen: „Wir haben viel Zeit für den Wandel. Als Supermacht und führende Reservewährung der Welt können wir weiterhin Schulden aufnehmen.“ Das klingt arg nach der Attitüde der Russen in den späten neunziger Jahren, als manche dortigen Reformer meinten, dank des Ölreichtums sei die Tinte in den Druckmaschinen der Zentralbank das einzige Limit der Schuldentragfähigkeit Russlands.

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