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Lafontaines Lektion : Warum die Linke oft recht hat, es aber nur selten bekommt

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Es gibt unzählige Beispiele für eine abgegriffene Sprache, die die Macht des Bestehenden verstärkt. Wenn die Gewerkschaften die Arbeitgeber auffordern, den Arbeitnehmern bessere Lohn- und Arbeitsbedingungen einzuräumen, sprechen sie schon die Sprache der Unterwerfung. Man kann es drehen und wenden, wie man will. Der Arbeitgeber ist eben kein Arbeitgeber, sondern ein Arbeitnehmer, der die Arbeit der Beschäftigten nimmt und sie zur Gewinnerzielung verwertet.

Ein Beispiel unserer Tage für die Macht der Begriffe ist, dass das Wort Bankenkrise aus dem öffentlichen Diskurs über die sogenannte Euro-Krise verschwunden ist. Stattdessen wird nur noch von der Staatsschuldenkrise gesprochen. Der Bankenlobby ist es wieder einmal gelungen, die Politik auf die falsche Spur zu setzen. Die Folge ist, dass statt einer Zerschlagung der Großbanken und einer strengen öffentlich-rechtlichen Regulierung der Geldhäuser eine Demokratie zerstörende und ökonomisch kontraproduktive Austeritätspolitik zur Lösung der vermeintlichen Staatsschuldenkrise verordnet wird. Zeitgeist, Sprache, Begriffsapparat und die realen Machtstrukturen stehen also der Durchsetzung linker Reformen im Wege.

Linke wirkt wie aus der Zeit gefallen

Einen weiteren entscheidenden Hinweis zur Beantwortung der Frage, warum linke Ideen sich nicht durchsetzen, gibt Frank Schirrmacher in seinen Überlegungen. Er spricht von der Verhunzung und Zertrümmerung christlicher Ideale und der Zerstörung bürgerlicher Werte. Schon vor Jahren schrieb der ehemalige Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bank, Rolf E. Breuer: „Die gegenwärtige Struktur der globalen Finanzmärkte spiegelt den Wertekanon der westlichen Industriegesellschaft wider.“ Verantwortungslosigkeit, Maßlosigkeit, Untreue, Betrug und Selbstsucht gehören demnach zum Wertekanon unserer Zeit.

In besonderem Maße ist die Linke von diesem Werteverfall betroffen. Hat sie sich doch von Anfang an als Widerstandsbewegung gegen die Zerstörung von Zusammenhalt, Gemeinsinn, Solidarität und Nächstenliebe in der Gesellschaft verstanden. In einer Gegenwart, die von den „Werten der Finanzmärkte“ bestimmt ist, wirkt die Linke mit ihrem Eintreten für mehr Gemeinschaft, Zusammenhalt und Solidarität wie aus der Zeit gefallen. Ist damit die Frage, warum linke Ideen sich in den Gesellschaften nicht durchsetzen und warum linke Parteien in der heutigen Finanzkrise nicht stärker profitieren, abschließend beantwortet?

Zu früh freuen sollten sich die Jünger des Zeitgeistes nicht. Bekanntlich entsteht eine revolutionäre Situation dann, wenn die da unten nicht mehr wollen und die da oben nicht mehr können. In Griechenland erklärt sich so der Wahlerfolg der Linken. Bei uns spricht sich immer mehr herum, dass die da oben schon lange nicht mehr können. Zu viele aber, die in Deutschland nicht mehr wollen, gehen einfach nicht mehr zur Wahl. Würden diese Nichtwähler stattdessen Parteien, die linke Ideen vertreten, zur Mehrheit verhelfen, dann müsste eine linke Regierung systemüberwindende Reformen in Angriff nehmen, die die heutigen Machtstrukturen verändern.

Voraussetzung dafür wäre, dass die Linke weit mehr als bisher ihre eigenen Begriffe und ihre eigene Sprache entwickelt, um den Boden für wirkliche Reformen zu bereiten. Und der Verhöhnung und Zerstörung ihrer Ideale muss sie die Überzeugung entgegensetzen, dass es Werte gibt, die man nicht kaufen kann, und dass genau diese Werte dem menschlichen Leben die Würde geben.

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