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Nach Ethikrat-Empfehlung : Lässt sich Inzest ethisch verrechnen?

In der HBO-Erfolgsserie „Game of Thrones“ führen die Geschwister Jaime und Cersei Lannister eine heimliche Beziehung Bild: HBO

Der Ethikrat fällt seine Empfehlungen nach dem Mehrheitsprinzip. Manchmal aber ist die Meinung der Minderheit bezwingender. Das sehen wir hier an einem paradoxen Beispiel.

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          Hat der Deutsche Ethikrat keine Ahnung von Ethik? Einige Unionspolitiker tun jetzt geradezu so, als sei zumal die Vorsitzende des Ethikrats, Christiane Woopen, Professorin für Ethik und Theorie der Medizin an der Universität Köln, eine Frau Professor Dr.Hohlebirne. Wer mit Frau Woopen je in Funk oder Fernsehen diskutierte, kann darüber nur den Kopf schütteln.

          Woopen zeigt sich bis ins Letzte beschlagen, was die Pro- und Kontraargumente von Themen wie anonyme Kindesabgabe (Babyklappe), Sterbehilfe, Beschneidung, Präimplantationsdiagnostik, Suizid oder – das Aufregerthema dieser Woche – Inzest angeht. Nein, dem Ethikrat und ihrer Vorsitzenden ist insoweit nichts vorzuhalten: Die argumentative Aufbereitung der verschiedenen Positionen, die sich in Fragen von Leben und Tod einnehmen lassen, ist nachgerade ihre Stärke – und gleichwohl auch ihre Schwäche.

          Die Liebe obsiege

          Schwäche? Ja, weil die gremientechnische Verwaltung von Ethik, das Hin- und Herwenden der Positionen, selbst noch kein ethisches Handeln ist. Als wandelnder Vermittlungsausschuss kann niemand handeln, weder ethisch noch unethisch. Ob im Tun oder Unterlassen: Ethik ist, wo sie zum Einsatz kommt, immer konkret und aufreizend antiplural, sie hat es von daher mit Entschlusskraft und Risikobereitschaft zu tun, mit Spitz auf Knopf, mit hopp oder top.

          Der Ethikrat indessen leistet einer Verrechnungsmentalität von Ethik Vorschub. Wenn er, wie zuletzt beim Thema Inzest, eine Stellungnahme abgibt, dann ist es immer das Mehrheitsvotum des Gremiums, das als „Empfehlung“ präsentiert und so auch rezipiert wird (kippt das Inzestverbot!). Als sei das Minderheitenvotum in der Sache weniger empfehlenswert, weil von weniger Mitgliedern des Gremiums getragen.

          Da dockt der Ethikrat erkennbar bei der „Gefällt mir“- Logik an, wie sie das lesenswerte Buch des Ex-„Titanic“-Chefredakteurs Leo Fischer durchbuchstabiert („Generation ,Gefällt mir‘“). Der mehrheitlich erhobene Daumen entscheidet demnach nicht nur über das Wohl und Wehe von Marken, Firmen und Kunstwerken, sondern – so will es die Empfehlungsmaschine Ethikrat – auch von Ethiken. Frau Woopen suchte dieser kühlen Abstimmungslogik die Spitze zu nehmen, als sie der Inzest-Stellungnahme einen Hauch von „Kann denn Liebe Sünde sein?“ beigab: Sie wünsche sich, so die Ethikrat-Chefin auf der Inzest-Pressekonferenz, „dass etwas so Wunderschönes und Wertvolles wie die aufrichtige Liebe zwischen zwei Menschen“ in unserer Gesellschaft lebbar sein möge. Wer wollte sich diesem Wunsch entgegenstellen?

          Ist Inzest strafwürdig?

          Na ja, der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte etwa, der erst vor zwei Jahren das deutsche Inzestverbot bestätigt hatte. Sodann das Bundesverfassungsgericht, das 2008 per Beschluss erklärte, dass die Strafvorschrift, die den Beischlaf zwischen Geschwistern mit Strafe bedroht, mit dem Grundgesetz vereinbar sei. Es müssen also schon starke Argumente aufgefahren werden, um eine derart stabile Rechtslage „unter ethischen Aspekten“ verändern zu wollen.

          Eher schwach klingt, was dem Diplom-Psychologen Michael Wunder zur Entkriminalisierung des Inzests einfiel: „Das Strafrecht darf und kann nicht zum Schutz bloßer Abstrakta wie der rein rechtlichen Verfasstheit der Familie eingesetzt werden.“ Sollte man es sich mit der Verhältnisbestimmung von Recht und Ethik tatsächlich so einfach machen können, dass man Familienmitglieder, die nicht mehr im gemeinsamen Haushalt leben, zu bloßen Abstrakta erklärt? Wo hat der Mann Psychologie gelernt? Wie macht er seinen Klienten weis, dass sie vermeintlich ihre Familie verloren haben, als sie von zu Hause auszogen? Und sich deshalb unbefangen dem Inzest hingeben sollen?

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