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Lady Gaga : Pinot Grigio der Popmusik

  • -Aktualisiert am

Küsschen, Küsschen: Lady Gaga bei der Verleihung der Golden Globes im Januar dieses Jahres. Bild: AP

Wenn Lady Gaga eine neue Platte herausbringt, ist die ganze Welt gespannt. Sie macht jetzt angeblich Country-Musik. Aber was für ein Country ist das?

          Wenn alle anderen Werbemethoden ausgeschöpft sind, hilft es in einer Popmusiker-Karriere manchmal noch, unerwartet auf Countrymusik umzusatteln. Die Nachricht „Lady Gaga macht jetzt Country“ hat tatsächlich einen gewissen Gaga-Faktor, zumal andere Superstars wie Taylor Swift oder Miley Cyrus dem Country, der sie groß gemacht hat, ja längst den Rücken gekehrt haben, um noch größer, also von noch mehr Menschen gemocht zu werden.

          Bei Lady Gagas Musik war es aber zuletzt so, dass sie nicht mehr ganz so breit ankam, das Experiment „Artpop“ (2013) wurde sogar als Flop bezeichnet - was bei 27 Wochen an der amerikanischen Chartspitze freilich nur ein sehr relativer Flop sein kann. Wie dem auch sei: Die Fanbasis sollte jetzt wohl wieder erweitert werden, und nach dem aufmerksam verfolgten Auftritt beim Superbowl in diesem Frühjahr steht bei der Frau, die schon einmal in einem Kleid aus Fleisch die Bühne betrat, statt Extravaganz nun plötzlich Bodenständigkeit auf dem Programm.

          Zerbrechliche Stimme

          „Authentizität“ und „Familienalbum“ sind die Schlagworte zum neuen Werk. Es heißt „Joanne“, und das Titelstück ist nach der früh verstorbenen Schwester von Lady Gagas Vater benannt. Das Lied ist sehr schön geworden. „Where do you think you’re going?“, fragt es, erinnert dabei an ein gleichnamiges Lied der Dire Straits, dann heißt es: „Heaven’s not ready for you“. Und tatsächlich ist das eine musikalische Überraschung: Die Pokerface-Gaga hat sich verwandelt und singt nun mit sehr zerbrechlicher Stimme zur Zupfgitarre mit G7-Akkord. Später kommen Streicher.

          Aber ein ganzes Country- oder Folk-Album hat Lady Gaga sich dann offenbar doch nicht getraut. Da gibt es eben doch wieder die Bombastpopsingle („Perfect Illusion“), die angeblich Kritik an den sozialen Medien enthält, ein bisschen Latino-Dancefloor mit lasziven Sprüchen („Dancing in Circles“), dann auch Lieder mit ordentlichen Rockgitarrenriffs oder eine zurückblickende Freundschaftshymne („Grigio Girls“).

          Dabei kann man den Eindruck gewinnen, dass Lady Gaga selbst eine Art Pinot Grigio der Popmusik ist: etwas, worauf sich in aller Welt möglichst viele einigen können. Ihr neuestes Potpourri, bei dem für jeden eine Melodie oder eine Meinung dabei ist, endet mit einer Klavierballade namens „Angel Down“, die man als Lamento über die jüngsten amerikanischen Zustände verstehen muss: „Shots were fired on the street / By the church where we used to meet“, singt sie dort, und dann: „Where are our leaders? Why do people just stand around“? Solche Kritik hält sie aber nicht davon ab, im Frühstücksfernsehen zu bekunden, wie großartig Amerika doch sei. „We’re still number one“, sagte sie dort vor kurzem. Darf man das Opportunismus nennen, oder gehört das beim Country einfach dazu?

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

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