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Fluchten in die Phantasie : Wo sind denn hier die Riesen?

Die historische Provinz La Mancha existierte bis 1833. Die wahre Mancha aber existiert nur in der Phantasie. Bild: ddp/Francis Cormon/hemis.fr

Niemand hat hier so viele Spuren hinterlassen wie Don Quijote: Eine imaginäre Reise in Spaniens Herzland La Mancha.

          4 Min.

          Ich schwebe über die weite Landschaft hinweg, viel langsamer als ein Auto, aber schneller als die Bauern, die ich vor vielen Jahren zu Fuß auf den Landstraßen dahinlaufen sah, als hätten sie mir mit dem alltäglichsten Bild – zwei Leute unterwegs – ein Gefühl für diese völlig verlassene Gegend in der kargen Mitte Spaniens vermitteln wollen. Ich schwebe in mittlerer Höhe, spüre die heiße Sommerluft, die mich angenehm fächelt, weil sie pulvertrocken ist, schwebe gleichsam ohne eigenen Körper, während Augen, Nase und Haut hellwach sind und jede Einzelheit meiner Reise registrieren. Wer ich bin, ist jetzt egal; allein das Wo zählt. Und das Wohin. Ich fliege.

          Paul Ingendaay
          (P.I.), Feuilleton

          Der Name der Landschaft unter mir ist uralt: La Mancha. Vermutlich kommt er aus dem Arabischen, genauer weiß man es nicht. Eine Theorie vermutet hinter dem Namen eine „Erde ohne Wasser“. Im Spanischen heißt „la mancha“ Fleck, Klecks oder Tupfer, und von oben versuche ich mir vorzustellen, was das Bild der Landschaft mit der Bezeichnung zu tun hat, aber es gelingt mir nicht. Ich bin eine Ansammlung von Sinnen, ein menschliches Aufnahmegerät, nur ohne Lämpchen und Elektronik. Was mich nach vorn zieht, ist der Name aus einem Buch: El Toboso. Es gibt in der Mancha ein Dorf, das so heißt, aber auch das ist jetzt egal, ich nehme den Namen als reinen Klang, lasse mich auf ihm weitertragen wie auf einem Kissen, während die Augen sich an die beiden Farben gewöhnen, die mich umgeben: das Gelb der Weizenfelder und die Bläue des Himmels. Von Flecken kann keine Rede sein; es sind zwei große Farbmeere, und der warme Wind trägt mich mitten hindurch.

          Wie der Kopf an seine Phantasien kommt, ist schwer zu beschreiben. Viel leichter zu finden ist der Rückweg, der Pfad also, auf dem sich die Phantasien wieder mit dem strukturierten Denken verbinden. Das Schweben, das ich mir seit vielen Jahren mit erstaunlicher Intensität vorstelle, wenn ich an die kastilische Landschaft im Sommer denke – kein Meer, kein Strand, nein, nur diese immense Weite, wie leergefegt von Menschen, Tieren, Häusern –, verdankt sich mit Sicherheit dem „Don Quijote“, dem meistübersetzten Roman der Menschheit.

          Staubige Straßen, die nur im Kopf existieren

          Das ist das Paradox meines Fluges: Obwohl viele dieses Buch gelesen haben und auf der ganzen Welt Leute darüber sprechen und schreiben, bin ich immer ganz allein auf meiner Reise. Die weite Ebene: leer. Die Dörfer: entvölkert. In der Sommerluft, die ich durchfliege, sehe ich kaum einen Vogel. Nach Don Quijote und Sancho Panza, die laut Cervantes’ Roman vor gut vierhundert Jahren über diese Straßen gezogen sind und viele Mitreisende hatten, halte ich gar nicht erst Ausschau. Irgendwie habe ich das sonderbare Gefühl, auch ich sei nur eine literarische Figur, die ein anderer ersonnen hat.

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