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Kyffhäuser-Sage : „…das ist das letzte Kapitel von der Geschichte der Welt“

  • -Aktualisiert am

Schulwandbild zum Kaiser-Wilhelm-Nationaldenkmal von 1898 Bild: Picture-Alliance

Zur Zeit seiner Erbauung war das Kyffhäuserdenkmal Monument eines wirklich gewordenen Mythos. Seine Aura ist weitgehend verblasst. Aber noch immer ist es ein Beispiel für die messianische Sehnsucht nach dem Ende der Geschichte.

          6 Min.

          Das Kyffhäuserdenkmal erzählt eine Geschichte über die Wirkmächtigkeit von Mythen. In den 1890ern wurde es zur Erinnerung an die Einigung des Deutschen Kaiserreichs unter Wilhelm I. erbaut. Und an welche Sage ließ sich dabei besser anknüpfen als an die von dem schlafenden Friedenskaiser Barbarossa?

          Der Sage nach werde der wahre deutsche Kaiser mit seinen Truppen in Notzeiten aus den Tiefen des Kyffhäusergebirges emporsteigen, um die getrennten Landstriche Deutschlands und ihre Bewohner zu einen. Die Anknüpfung der Einigung 1871 an die Kyffhäusersage verlieh Wilhelm I. einen Hauch überweltlicher Erwählung. Den Anspruch des Mythos an die Wirklichkeit meißelt das Denkmal sprichwörtlich in Stein. Doch das monumentale Ehrengedenken ist nicht nur Ergebnis eines formalen Staatsaktes mit sakralem touch. In ihm durfte sich gleichfalls das Volk sonnen, geeint von dem erwählten Kaiser zu einer Nation. Messianische Erzählungen wie diese sollen vor allem eines bewirken, sie sollen den Anschein erwecken, ein von übermenschlicher Macht beschlossenes Ziel sei erreicht worden, keine Veränderung werde ihm mehr folgen. Sie sollen ein Ende der Geschichte vortäuschen.

          Politische Mythologie in Stein gemeißelt

          Seit knapp 120 Jahren steht das Kyffhäuserdenkmal nun schon auf einem Hügel im Norden Thüringens und schaut in die Ferne. In der Mitte sitzt auf trabendem Ross Wilhelm I. Links neben ihm kniet eine Frau, die die deutsche Geschichte verkörpern soll, rechts von ihm ein flügelbehelmter Germane – das aus dem historischen Kitsch nicht wegzudenkende Klischee. Während Wilhelm I. der Zukunft entgegen reitet, sitzt unterhalb von ihm der Staufer Friedrich I., genannt Barbarossa. Trotz seines Schlafes wirkt der sagenhafte Friedenskaiser mit seinen Falten, den heraustretenden Adern und der festgekrallten Hand verkrampft und zornig.

          Krieger auf einem Chimärenpfeiler
          Krieger auf einem Chimärenpfeiler : Bild: Hendrick Heimböckel

          Dieses mythisierte Viergespann wird geschützt von einer Vielzahl an Figuren: Ritter, Löwen, Raben, Furien, die für eine deutsche Mythologie des 19. Jahrhunderts wie aus der Zeit gefallen wirken. Eher würde man solche Darstellungen auf aztekischen Tempeln oder in Dalís Gemälden erwarten. Aber vielleicht veranschaulicht gerade dieses dichte Miteinander von Volkstümelei, den zwei Kaisern und den Fabelwesen, dass ein nationaler Mythos erst durch Rückgriff auf Symbole, Bilder und Geschichten gestaltet werden kann. Dieser kreative Akt geht über nationale Eigenheiten hinaus, statt eine nationale Identität offenzulegen. Dennoch entfaltet er eine politische Wirksamkeit.

          Obwohl mit dem Kyffhäuserdenkmal die Sage vom überzeitlichen Friedenskaiser in Stein gemeißelt werden sollte, ist sie aus heutiger Sicht nur noch Ausdruck eines Wunsches nach nationaler Identität im Schatten eines überzeitlichen Herrschers. Schon die übernächste Generation jubelte einem neuen Erlöser zu – diesmal keiner auferstandenen Sagengestalt, sondern einem verkannten Künstler. Mit messianischen Erzählungen konnte man also nationale Identitäten schaffen.

          Messianische Erzählungen

          Prototypisch lässt sich die Geschichte von einem Messias folgendermaßen erzählen: Eine zeitlose Macht wie das Schicksal, ein Gott oder Götter verleihen einem Menschen übernatürliche Kräfte, mit denen er eine Gruppe von Menschen oder die Menschheit insgesamt für immer rettet und erlöst – am häufigsten von sich selbst. Die Sehnsucht nach dem Messias ist weder alt noch neu. Diesen Trailer kennen wir nicht nur aus dem Kino.

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