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Kyffhäuser-Sage : „…das ist das letzte Kapitel von der Geschichte der Welt“

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Das Kyffhäuserdenkmal
Das Kyffhäuserdenkmal : Bild: Picture-Alliance

Einen Lektüreschlüssel liefert Immanuel Kant. In seiner 1795 veröffentlichten politischen Schrift „Zum ewigen Frieden“ lesen wir einen ähnlichen und weitaus vertrauteren Satz: „Das Recht der Menschen muß heilig gehalten werden, der herrschenden Gewalt mag es auch noch so große Aufopferung kosten.“ Geht es in der religiösen Formulierung Schlegels und Novalis‘ um die Idee, dass alle Menschen etwas Göttliches teilen?

Wenn wir sie mit Kant lesen, würde das bedeuten, dass in jedem der Messias verwirklicht werden könne. Dies geschähe nur dann, wenn alle Menschen, gleich welcher Herkunft, welchen Geschlechts und Alters, sich gegenseitig dieselben Rechte zugestehen und anerkennen. Damit wäre das Heilige und Göttliche in jedem präsent. Oder in der Sprache modernen Rechts formuliert: Dann wäre die Würde des Menschen unantastbar. In diesem Sinne drücken Novalis, Schlegel und Kant einen wagemutigen, intellektuellen Glauben an die Erlösung durch Rationalität, Empathie und den Menschen selbst aus.

Seit knapp 200 Jahren nimmt dieses Denken nun schon Gestalt an. Die Institutionen der Staaten werden geheiligt, wenn sie auf einen Bund zustreben, der den Frieden für immer sichern soll – das ist eine der wenigen politischen Ideen, die sich seit dem Fall des Eisernen Vorhangs als widerstandsfähig gegenüber nationalistischen, rassistischen, faschistischen und ökonomischen Ideologien erwiesen hat. Hoffentlich zu recht!

Zurück in der Provinz

Gegen diese globale Erlösungsgeschichte ziehen vor allem nationale Messianismen zu Felde. Dabei werden altbekannte Geschichten und Geschichte miteinander verbunden. Als Beispiel ein Auszug aus der Rede Björn Höckes anlässlich des Kyffhäusertreffens der AfD 2016:

„Liebe Freunde, innere Kraft aus Mythen zu schöpfen ist in Wendezeiten immer hilfreich gewesen. Und wir leben ein Vierteljahrhundert nach dem Fall der Mauer wieder in einer Wendezeit. […] Wir haben die Aufgabe unsere Geschichte wieder anzueignen. Und wir müssen dafür die gemeinschaftsbildende Kraft des Mythos wieder erschließen, indem wir uns der gemeinschaftsbildenden Kraft des Mythos wieder voll öffnen.“

Übersetzt bedeutet dieser Abschnitt: „Indem ihr gemeinsam an das glaubt, was weder gewesen ist noch sein wird, erschafft ihr eine nationale Gemeinschaft.“ Was passiert, wenn auf internationaler Ebene verschiedene Erzählungen die Funktion von Argumenten und Aushandlungsprozessen übernehmen, ist bekannt: Es entsteht Krieg. Angesichts der Rede Höckes ist klar, warum sich Barbarossa den Bart zerrauft und sich ans Herz fasst.

Der mit dem Kyffhäuserdenkmal gestaltete Mythos aus Geschichte, Erzählungen, Symbolen, Figuren, bearbeitetem Stein und gegossener Bronze zeigt, dass Märchen nicht nur etwas für Kinder sind. Eine Fahrt zu dem Monument lohnt sich allemal. Es legt nicht nur Aspekte deutscher Mythologie offen und verweist darauf, mit welchen Mitteln Mythen auch gegenwärtig aufrechterhalten werden. Sondern es rückt auch unser säkulares Selbstverständnis in ein anderes Licht: Der Glaube an einen Messias oder an einen „Messias im Pluralis“ gehört keinesfalls bloß der Vergangenheit an und ist auch nicht das Privileg tief religiöser Menschen.

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