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Kyffhäuser-Sage : „…das ist das letzte Kapitel von der Geschichte der Welt“

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Schlangen und Kriegsornamente auf dem Kyffhäuser-Denkmal
Schlangen und Kriegsornamente auf dem Kyffhäuser-Denkmal : Bild: Hendrick Heimböckel

In unserem kulturellen Raum geht die Geschichte so: Jesus Christus wird als Sohn Gottes geboren und sühnt mit seinem Martyrium die Sünden aller Menschen. Er nimmt mit seinem Tod und seiner Auferstehung den Tod aller und ihre Auferstehung im jüngsten Gericht vorweg. Er kommt wieder, keine Frage.

Auch der jüdische Tanach und das Alte Testament prophezeien einen Messias. Ein Beispiel aus dem Buch des Jeremias: „Seht es kommen Tage – Spruch des Herrn –, da werde ich für David einen gerechten Spross erwecken. Er wird als König herrschen und weise handeln, für Recht und Gerechtigkeit wird er sorgen im Land. In seinen Tagen wird Juda gerettet werden.“

Die Erwartungen an einen göttlichen Retter verbinden Zeiten und Kulturen. Aus dem 13. Jahrhundert sind uns die Niederschriften germanischer Mythologie von isländischen Mönchen überliefert. In einer Weissagung von der Entstehung und Entwicklung des Kosmos in der sogenannten „Älteren Edda“ wird nach der Erzählung des letzten Kampfes zwischen Göttern und Riesen von der Wiederkehr des verstorbenen Gottes Balder gesungen: „Die Äcker werden unbesät wachsen, aller Schaden wird sich bessern, Balder wird kommen […].“ Nachdem die Götter wieder ihren Thron eingenommen haben, erscheint ein noch höherer Gott: „Dann kommt der Mächtige zum erhabnen Gericht,/der Starke von oben, der alles lenkt.“ Mit der dann folgenden Strophe endet die Weissagung der Seherin vom Anfang und Ende der Zeit.

Solche Sehnsüchte stehen gerade in Zeiten epochemachender Umwälzungen hoch im Kurs. Kriege, Naturkatastrophen, abrupte Regimewechsel und wissenschaftliche Entwicklungen schüren apokalyptische Ängste und die Hoffnung auf einen endgültigen Neuanfang.

Die Menschheit erlöst sich selbst

So ein Umbruch vollzog sich auch um 1800. Die Entdeckung der Elektrizität, die Nutzbarmachung von Dampfkraft sowie die Umgestaltung der politischen Landkarte in Europa durch die Französische Revolution sind drei große Entwicklungen, deren Wirkungen bis in die Gegenwart spürbar sind. Begleitet wird diese Zeit von neuen Erwartungen, die von den verschiedenen Ausprägungen der Romantik in Europa formuliert wurden.

Bei vielen Schilderungen dieser Erwartungen fühlen wir uns unter jugendlichen Phantasten und Schwärmern. Fast prophetisch künden zwei Protagonisten dieser Bewegung von einer neuen Religion, einer neuen Mythologie und einem Messias. Auf den ersten Blick sind diese Formulierungen kaum zu glauben. Friedrich von Hardenberg, genannt Novalis, schreibt an Friedrich Schlegel:

„Du wirst der Paulus der neuen Religion seyn, die überall anbricht – einer der Erstlinge des neuen Zeitalters – des Religiösen. Du verstehst die Geheimnisse der Zeit – Auf dich hat die Revolution gewirckt, was sie wircken sollte, oder du bist vielmehr ein unsichtbares Glied der heiligen Revolution die ein Messias im Pluralis, auf Erden erschienen ist.“

Hat ein Freund den Freunde je so deutlich an die Spitze seines religiösen Denkens gesetzt? Warum spricht Novalis von einem „Messias im Pluralis“? Soll Schlegel nur einer von vielen Protagonisten einer neuen Zeit sein? Oder lässt sich dieser Messias im Anschluss an die Französische Revolution als die Gesamtheit der Menschen verstehen?

Folgen wir der Fährte bei Schlegel weiter. In einem seiner als „Ideen“ betitelten Aphorismen fasst er die Menschheit als ein Individuum auf – und als was für eins: „In dieser großen Person der Menschheit ist Gott Mensch geworden.“ Zugegebenermaßen erschließt sich der Bedeutungsgehalt dieser Formulierung nicht auf den ersten Blick. Die Menschheit als eins zu denken ist uns vertraut. Aber wieso soll diese Menschheit zugleich die irdische Verwirklichung Gottes sein? War nicht Gott in Jesus, dem Messias, Mensch geworden?

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