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Kurzerzählung : Auschwitz

  • -Aktualisiert am

Als populärster Holocaust-Überlebender Deutschlands hat man es nicht leicht. Markus Lanz drückt einem den Arm und freut sich über jüdischen Humor. Und dann lädt auch noch Pegida ein.

          Seit Roth in der „Sendung mit der Maus“ erzählt hat, er habe einmal als Kind in Frankfurt mit seinen deutschen Klassenkameraden zufällig Adolf Hitler zugejubelt und später dafür von seiner jüdischen Mutter ein paar saftige Ohrfeigen kassiert, war er der populärste Holocaust-Überlebende Deutschlands. Alle wollten von ihm wissen, ob Adolf Hitler an diesem kalten Novembertag 1935 auch warm genug angezogen war und ob er viel lächelte. Aber vor allem wurde Roth immer wieder gefragt, wie er es geschafft habe, so ein fröhlicher und unverbitterter Mensch zu werden, trotz einer so gewalttätigen Familie. „Auschwitz war schlimmer“, erwiderte er dann jedes Mal, zum Beispiel bei Markus Lanz, worauf der viel zu fest Roths Arm zusammenpresste und glücklich lächelnd sagte: „Herrlich, Herr Goldenberg, dieser jüdische Humor!“

          Als beliebtester Holocaust-Überlebender Deutschlands musste Roth natürlich auch aufs „Spiegel“-Cover. Er mochte das Foto nicht, weil er darauf genauso schlecht und genervt aussah wie an dem Tag, als die Russen nach Auschwitz kamen und eigentlich sofort wieder gehen wollten, weil sie keine Lust hatten, Juden zu befreien. Roths Coverstory hieß „Der letzte Zeuge“, und neben sein Gesicht hatten die „Spiegel“-Leute geschrieben: „Der Mann, der den Führer noch mit eigenen Augen gesehen hat“. Kaum war das Heft erschienen, fragte bei ihm das Pegida-Team an, ob er nicht Lust habe, auf der nächsten Montagsdemo eine kleine Rede zu halten. Man habe gehört, er hätte Hitler sehr gut gekannt, und man wolle nun wissen, wie der privat so gewesen sei. Natürlich fuhr Roth nicht nach Dresden - und er wollte auch nicht, trotz eines sechsstelligen Honorar-Angebots, bei der nächsten „Dschungelcamp“-Staffel mitmachen, die in Birkenau gedreht werden sollte, mit Prüfungen, bei denen man goldene Davidsterne sammeln würde. Als Roth dann auch noch von Arte eingeladen wurde, mit dem palästinensischen Botschafter in Deutschland durch Hitlers alte Schwabinger Lieblingslokale zu ziehen („Durch die Nacht mit . . .“), hatte Roth genug. Wenn mich noch mal einer von diesen Idioten fragt, dachte er, was Adolf Hitlers Lieblingsdessert war oder ob er überhaupt etwas von den KZs gewusst hat, kriegt er von mir die saftigsten Ohrfeigen seines Lebens verpasst. Dann klingelte das Telefon, und die „Bachelor“-Redaktion war dran. Ob er sich vorstellen könne, sagte eine strenge, weibliche Stimme, der neue Bachelor zu sein. Man kenne, fuhr sie dann sehr viel freundlicher fort, natürlich seinen und Adolf Hitlers Geschmack, und darum würden diesmal nur besonders perverse und unterwürfige Blondinen eingeladen werden. „Wenn Sie wüssten“, sagte Roth, „wie lange ich auf Ihren Anruf gewartet habe. Logisch. Super. Wahnsinnig gern!“

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