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Kurstädte als Weltkulturerbe : Das deutsche Badespaßtriumvirat

Große Welt am Rand des Schwarzwalds: Baden-Baden ist bis heute ein Epizentrum des Mondänen. Bild: Laif

Hauptsache, gesund: Gemeinsam mit acht Städten aus weiteren sechs Staaten streben Baden-Baden, Bad Ems und Bad Kissingen die Aufnahme ins UNESCO-Welterbe an.

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          Der Zauber einer Bäderstadt erschließt sich nicht ebenso zwingend wie der Zauber eine Küstenstadt. Es fehlt der seit Kant als Inbegriff der Erhabenheit geltende Blick aufs Meer. Zumal Baden und Baden je nachdem, ob man im Kurort ist oder am Strand, zweierlei ist. Ganz zu schweigen von der Wasserqualität. So verfügt beispielsweise die im Binnenland gelegene Heimatstadt des Verfassers über heiße Quellen, deren Existenz er als Kind nur über den Schwefelgeruch wahr- und entsprechend übelnahm. Seinen Großvater, der wochenendlich in der innerstädtischen Brunnenhalle ein Glas dieses stinkenden Wassers einzunehmen pflegte, begleitete und bedauerte er fassungslos. Und dass der Entwurf jener Brunnenhalle sich niemand Geringerem als Karl Friedrich Schinkel verdankte, wurde ihm erst in einigermaßen reflektiertem Alter klar. Die klassische Bad­architektur – paradoxerweise nicht „Bäderarchitektur“, denn dieser Begriff ist für Bauten in Küstenorten reserviert – ist heute meist eingebunden in städtische Kontexte, die die oft antikisierenden, zumindest aber historistischen Gebäude nicht (mehr) zur Geltung kommen lassen. Und die Kurgärten sind mittlerweile zu schlechteren Stadtparks degradiert, weil als Zielpublikum ihrer Gestaltung unverändert ältere Generationen gelten und deshalb dort kaum etwas modernisiert wird.

          Andreas Platthaus
          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Dennoch – oder auch gerade deshalb, denn es besteht Handlungsbedarf! – gibt es seit 2014 einen Antrag auf Aufnahme von elf europäischen Bäderstädten ins Weltkulturerbe der UNESCO. „Great Spas of Europe“ heißt der eigens zu ­diesem Zweck gegründete Zusammenschluss, in dem sich mit der belgischen Stadt Spa nicht nur jenes Heilbad findet, dem sich im Französischen und Englischen die ganze Benennung dieses Heilbadtyps verdankt, sondern auch gleich ein ganzes Trio deutscher Orte: Bad Ems, Bad Kissingen und Baden-Baden. Das sind, anders als die Heimatstadt des Verfassers, kleinere Gemeinden, die vor allem als Bäder berühmt geworden sind: vor allem im achtzehnten und neunzehnten Jahrhundert, als die Heilbadkultur blühte wie seit der Römerzeit nicht mehr. Rund um die deutsche Reichseinigung von 1871 wurde dann der Höhepunkt der internationalen Ausstrahlung der drei Bäder erreicht.

          Grandezza an der unteren Lahn: das Kurhaus von Bad Ems.
          Grandezza an der unteren Lahn: das Kurhaus von Bad Ems. : Bild: dpa

          Kulturtouristische Anziehungskraft

          Entsprechend sehen Bad Ems, Bad Kissingen und Baden-Baden auch aus: Architektonische Träume aus dem zweiten deutschen Kaiserreich dominieren jeweils die dortige Badarchitektur. Und dadurch die gesamten erfreulicherweise unzerstört durch den Krieg gekommenen Zentren dieser Kleinstädte, in denen sich weiland allerlei große Herrschaften einfanden, um sich zu kurieren und/oder auch zu ruinieren, denn Spielbanken waren und sind fester Begleiter ihres Heilbadbetriebs – was hätte Dostojewski sonst schon über Baden-Baden zu schreiben gehabt? In Bad Ems fühlte sich der russische Schriftsteller zwar auch wohl, und dort wurde sogar schon seit 1720 gespielt, aber der Ruhm des Casinos von Baden-Baden – und vor allem der konstante Zustrom russischer Besucher bis heute – verdankt sich Dostojewskis Roman „Der Spieler“, für dessen fiktiven Handlungsort Roulettenburg eben die Kurstadt an der Oos und nicht die an der Lahn Modell stand. Apropos Russen: Während sein Herrscher Zar Alexander II. gleich in allen drei deutschen Great-Spa-Städten zu Gast war, trieb es Dostojewski nie ins unterfränkische Bad Kissingen, denn dort war der Glücksspielbetrieb 1849 verboten worden.

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