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Kurioser Theaterabend : Plagiatskunst

  • -Aktualisiert am

Blick in die Inszenierung von „Mittelreich - inszeniert von Anta Helena Recke“ Bild: Judith Buss

Zu viele Bezugsebenen verderben die Bühnenkunst: Zu diesem Urteil musste man jetzt bei einem gescheiterten Experiment in den Münchner Kammerspielen gelangen.

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          Alles geschieht immerzu „nach“ irgendetwas, so funktioniert der Lauf der Zeit, des Lebens, Lernens und der Meinungsbildung – das Wesen der Reaktion liegt in der Natur des Handelns. Verspürt ein schöner Künstler das dringende Bedürfnis, auf das Werk eines anderen schönen Künstlers zu reagieren, kann er zitieren, imitieren, parodieren, adaptieren, seine Bewunderung in einer Hommage ausdrücken. Oder aber er greift gleich zur „Appropriation Art“ – das bedeutet nichts Geringeres, als sich das vollendete Werk eines anderen im gleichen Medium und in gleichem Maße zu eigen zu machen. Warum sich solcherart „Raub-Kunst“ vor allem in der Malerei und im Film findet, hat einen guten Grund: Diese Werke sind in den meisten Fällen fixiert; das Einzige, was sie noch zu verändern vermag, ist ihre Betrachtung.

          „Nach dem Roman von Josef Bierbichler, nach der Inszenierung von Anna-Sophie Mahler“ – lautet der sperrige Untertitel eines kuriosen Theaterabends, der jetzt in den Münchner Kammerspielen Premiere hatte. Zusammen mit den Applaudierenden stand am Ende die Frage im Zuschauerraum, wer da nun eigentlich so lautstark gefeiert wurde: Der Autor Bierbichler für sein hundert Jahre überspannendes bayerisches Familienepos „Mittelreich“? Die Regisseurin Mahler für ihre 2015 an den Kammerspielen uraufgeführte, zum Theatertreffen eingeladene Musiktheater-Adaption? Oder die Theatermacherin Anta Helena Recke für ihr legales „Appropriation“-Plagiat? Vielleicht war den Applaudierenden auch einfach bewusst, dass sie gerade Zeugen eines einmaligen, weil gescheiterten Bühnenexperiments geworden waren.

          So selbstreflexiv kann ein Publikum gar nicht sein

          Denn apropos Theater: Theater ist ein lebendiger Prozess. Es lebt, atmet, reagiert, entwickelt sich. Theater ist nicht wiederholbar. Theater garantiert auch kein Studium der Perfektion – wie eine „Schwanensee“-Choreographie oder eine Berlioz-Partitur. Theater ist immer auch Theater nach sich selbst. Und so wird in München eine vollkommen überflüssige Disziplin zelebriert: die Schauspielkunst der minutiösen Imitation einer Momentaufnahme. Die erklärte Radikalität, mit der Anta Helena Recke durch die (beinahe) detailgetreue Übernahme fertiger Inszenierungen unter Auswechslung aller „weißen“ Darsteller und Musiker durch „schwarze“ Darsteller und Musiker auf Rassismus und fehlende Integration aufmerksam machen will, rückt dabei in den Hintergrund.

          Denn so selbstreflexiv kann ein Publikum gar nicht sein, dass es nicht statt der Konzentration auf die eigene moralische Anstalt lieber verblüfft dabei zuschaute, wie Schauspieler Y die Rolle des Z interpretiert, indem er Schauspieler X imitiert, während dieser die Rolle des Z interpretiert. Vor allem wird das im Zuschauerraum auch Schauspieler X verblüfft haben, der nun in seiner nächsten Aufführung vielleicht Schauspieler Y imitieren wird, während der . . . Denn sinnvoll oder nicht, alles geschieht immerzu „nach“ irgendetwas.

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