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Kunstvereine : Ironisch gekittete Brüchigkeit

  • -Aktualisiert am

Rita Kerstin, Kunstvereinsleiterin in Düsseldorf Bild: Rita Kersting

Kunstvereine breiten sich aus wie Moos. Immer mehr Sammler und Liebhaber engagieren sich in den Labors der zeitgenössischen Kunst. Wir fragen warum.

          Rita Kersting hatte zwar fast ein Jahr Zeit um sich auf ihren neuen Job zu freuen, als sie dann aber am 1. Januar diesen Jahres auch wirklich als Geschäftsführerin in Düsseldorf antrat, hatte sich die Welt des Kunstvereins verändert.

          Hieß es noch vor Jahresfrist, die Kunsthalle am Grabbeplatz, unter dessen Dach auch der Kunstverein der Rheinlande und Westfalen untergebracht ist, würde im ersten Halbjahr 2001 umgebaut, sah sich die neue Leiterin plötzlich mit der Situation konfrontiert, dass erst einmal nicht gebaut und die Räume für Ausstellungen zur Verfügung stünden. Die eigentlich freudige Nachricht muss in dieser Situation wie eine Drohung gewirkt haben.

          Nun doch Ausstellungen statt Umbau

          Statt den Betrieb in Ruhe kennen lernen zu können, musste die junge Kunsthistorikerin hektisch eine Ausstellung aus dem Boden stampfen, die nun auch wirklich am 27. April unter dem Titel „Zero Gravity“ eröffnet wird. Mit 18 Teilnehmern eine Themenausstellung in nur vier Monaten zusammenzustellen grenzt an Zauberei. Normalerweise braucht man dafür mindestens ein halbes Jahr, mit vernünftigem Vorlauf sogar ein Jahr.

          Da helfen nur beste Künstlerkontakte

          Zum Glück verfügt Rita Kersting über beste Künstlerkontakte. Die Kunsthistorikerin, die 1969 in Goch am Niederrhein geboren wurde, studierte in Köln, absolvierte in Amsterdam eine internationale Kuratoren-Ausbildung und arbeitete an Museen in Köln und in Krefeld. Über ihre bisherigen Ausstellungsprojekte hat sie reichlich Kontakte zur deutsch-niederländischen Kunstszene. Dennoch gleicht ihr Einstand einem Sprung durch die Wand.

          Entsprechend hektisch werden auch die künftigen Pläne vermittelt. So richtig durchdacht erscheint das Konzept noch nicht. Offen soll der Kunstverein sein und mehr noch als zuvor auf das Soziale bedacht. Man habe gleich Anfang Januar eine gemeinsame Exkursion unternommen und ist immerhin bis Krefeld gekommen. Vielfalt soll herrschen und zugleich die Brüchigkeit und Instabilität gezeigt werden, mit der Künstler wie Martin Kippenberger in ihren Arbeiten ironisch dem Alltag zu Leibe rückten. Das klingt alles sehr allgemein.

          Groß, alt und arm

          Mit 4.100 Mitgliedern ist der Kunstverein der Rheinlande und Westfalen einer der größten in Deutschland. Er gilt zugleich als der Älteste, obwohl 1829, also zwei Jahre nach dem Kunstverein in Freiburg gegründet. Bis vor kurzem erhielt der Verein keinerlei regelmäßige Geldzuwendungen. Weder von der Stadt Düsseldorf noch vom Land Nordrhein-Westfalen. Das hat sich nun geändert. Immerhin werden drei Stellen von der Stadt finanziert. Alles andere muss in mühsamer Überzeugungsarbeit mit Hilfe von Sponsoren organisiert werden.

          Wenn Rita Kersting ihre erste Ausstellung „Zero Gravity“ am 20. April mit Werken von Martin Kippenberger, Björn Dahlem, Georg Herold und 15 anderen Künstlern eröffnet, haben die Stadtwerke, das Land NRW und die Firma Ericsson das Vorhaben finanziert.

          Mit dieser Ausstellung will Kersting ihren Einstand feiern. Deutet sie auch an, mit welchen Künstlern sie in zukünftige Welten vorstoßen will ohne abzuheben? Die Erwartungshaltung, vor allem der Künstler, ist in Düsseldorf besonders groß. Schließlich steht die führende deutsche Kunstakademie gleich um die Ecke. Da trifft man sich in den Kneipen. Da mischen sich die Interessen, wie das Bier am Tresen. Keine leichte Aufgabe, zwischen politischen- und künstlerischen Wünschen in der Landeshauptstadt den eigenen Kopf zu bewahren.

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