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Kunstpreis Aachen : Schon wieder BDS

Ein Anti-BDS-Protest im März in Göttingen Bild: dpa

Nach der Diskussion um den Nelly-Sachs-Preis gibt es jetzt auch Streit um den Kunstpreis Aachen. Wieder geht es um die Boykott-Bewegung BDS. Und das ist gut so.

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          Auch diese Woche gab es Chaos in Deutschland. Es ging mal wieder um drei Buchstaben, um die es seit Mai sehr oft geht, seitdem der Bundestag beschlossen hat, eine Boykott-Bewegung gegen Israel und gegen Juden aus Israel zu boykottieren. Diese drei Buchstaben, die die Bewegung abkürzen, stehen seit Monaten in Zeitungen, im Internet, werden besprochen, beleidigt und beschützt: Man wird ja wohl noch sagen dürfen ...

          Anna Prizkau

          Redakteurin im Feuilleton.

          Was eigentlich? Am Montag sagte die Stadt Aachen, dass sie den libanesisch-amerikanischen Künstler Walid Raad mit ihrem Kunstpreis nicht mehr würdigen wolle, obwohl das schon seit dem letzten Jahr beschlossen war. Denn dieser Künstler war „mehrfach an Maßnahmen zum kulturellen Boykott Israels“ beteiligt. Am Mittwoch dann sagte der Verein der Freunde des Ludwig Forums, der den Preis mitvergibt, dass die Boykott-Beweise nicht stichhaltig genug seien und Raad doch ausgezeichnet werde – nur ohne Stadt, also auch ohne kommunales Geld und ohne Party im Museum.

          Natürlich musste man sich da an einen anderen Fall, an einen anderen Preis erinnern: den Nelly-Sachs-Preis. Den sollte eigentlich die pakistanisch-britische Schriftstellerin Kamila Shamsie in diesem Jahr bekommen, doch sie bekam ihn nicht, weil sie öffentlich Israel und Israelis boykottiert. Natürlich war das aber etwas anderes: Der Nelly-Sachs-Preis heißt nach Nelly Sachs, nach einer Jüdin, nach einer Dichterin, die die bekannten Schoa-Zeilen schrieb: „O ihr Schornsteine, O ihr Finger / Und Israels Leib im Rauch durch die Luft!“

          Ein kleiner, großer Unterschied

          Der Kunstpreis Aachen heißt nach Aachen, nach einer Stadt, in der die Synagoge in einer normalen Novembernacht und von normalen Aachenern abgefackelt wurde und aus der Züge Juden in Lager brachten und in Öfen mit Schornsteinen, über die Sachs geschrieben hatte. Das war dann schon ein kleiner, großer Unterschied.

          Was aber keinen Unterschied gemacht hat, waren die Argumente zu Preisen und Preisträgern. Die Argumente dagegen und dafür. Über das Nelly-Sachs-Preis-Ereignis schrieb Martin Eimermacher in der „Zeit“: „Shamsie sagt, ihre Bücher könnten nicht ins Hebräische übersetzt werden, weil sie eben keinen Israeli als Verleger akzeptiere. Das ist freilich ihr gutes Recht. Und es ist eben auch das gute Recht der Jury, ihr dafür keinen Preis zu verleihen (...).“

          Zur Walid-Raad-und-Aachen-Sache schrieb Elke Buhr online auf „Monopol“, dass der Boykott der Boykotteure falsch sei: „Denn faktisch müssten dann in Zukunft so gut wie alle Künstler und Künstlerinnen aus der arabischen Welt aus dem hiesigen Diskurs ausgeschlossen werden, denn man darf davon ausgehen, dass die überwältigende Mehrheit von ihnen sich niemals von dem BDS (...) distanzieren würde.“ Vielleicht war Buhr nicht klar, dass sie mit diesem Satz alle Araber einfach mal entmündigt, indem sie sie so darstellt, als ob sie von Natur aus Juden schaden wollen. Paternalismus at its best.

          Es ist Vergangenheitsbewältigung

          Das Beste aber, und das ist nicht ironisch gemeint, war und ist das Chaos, das über Deutschland zieht. Denn jetzt laufen fast täglich Diskussionen, Auseinandersetzungen mit und über Judenhass durchs Land. Und man kann Deutschland live dabei zuschauen, wie es endlich mal wieder mit sich selbst ringt und sich bemüht. Was man sieht, seitdem der Bundestag diese Bewegung mit den drei Buchstaben boykottiert, war eigentlich seit Jahren abgestrahlt, vergessen und zu Ende: Es ist Vergangenheitsbewältigung.

          Der Executive Producer der neuen, wichtigen und guten Show ist die Bewegung selbst, die eigentlich das Gegenteil erreichen will: ein Schweigen über Judenhass.

          Hat nicht geklappt. Zum Glück. Und in der nächsten Folge, beim nächsten Preis, gibt es dann eine Fortsetzung. Wir werden wieder einschalten und zuschauen.

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